Vernachlässigung

  • Kinder sind grundsätzlich darauf angewiesen, ernährt, gepflegt, gesundheitlich versorgt, beaufsichtigt, geschützt, gefördert, geachtet und geliebt zu werden....
    Kinder sind grundsätzlich darauf angewiesen, ernährt, gepflegt, gesundheitlich versorgt, beaufsichtigt, geschützt, gefördert, geachtet und geliebt zu werden. Je jünger ein Kind ist, desto größer und unmittelbarer sind sein Hilfebedarf und sein Schützbedürfnis.
    Gem. § 1 SGB VIII Recht auf Erziehung, Elternverantwortung, Jugendhilfe haben Kinder das ausdrückliche Recht auf Förderung ihrer Entwicklung und Erziehung.

    Für die Pflege und Erziehung zuständig sind die Eltern. Die Kontrolle hierüber obliegt dem Jugendamt (§ 2 SGB VIII Aufgaben der Jugendhilfe).

    Werden die grundlegenden Lebensbedürfnisse über einen (am Alter des Kindes bemessenen) längeren Zeitraum eines Kindes nicht oder nicht ausreichend oder nur unregelmäßig wahrgenommen, wird es vernachlässigt. Vernachlässigung beeinträchtigt oder schädigt die Entwicklung eines Kindes.

    Vernachlässigung kann auf passive Art entstehen. Sie erfolgt dann unbewusst und liegt meist in der Unkenntnis oder mangelnden Einsicht der Erziehungspersonen. Vernachlässigung kann aber auch aktiv erfolgen. Dem Kind wird dann die notwendige Fürsorge bewusst vorenthalten. Die Grenzen von passiver und aktiver Vernachlässigung verschwimmen häufig. Bei Vernachlässigung kommt es häufig auch zur Anwendung von Gewalt.

    Vernachlässigung ist für Außenstehende in der Regel nicht sofort erkennbar. Bis sie auffällig wird, wurde ein Kind zumeist bereits über einen längeren Zeitraum vernachlässigt. Gerade für Säuglinge und Kleinkinder kann dies lebensbedrohlich oder sogar tödlich sein, da sie vollständig auf die Fürsorge der erwachsenen Bezugspersonen angewiesen sind.

    Vernachlässigung kann in allen Kinder betreffenden Schutzbereichen erfolgen. Zumeist werden mehrere Grundbedürfnisse nicht oder nur unzureichend befriedigt. Die unterschiedlichen Vernachlässigungen können in solche körperlicher und seelischer Art unterschieden werden.

    Körperliche Vernachlässigung

    Die Eltern sind nicht in der Lage, ihrem Kind die für seine körperliche Entwicklung erforderlichen Grundvoraussetzungen zu bieten oder enthalten sie ihm bewusst vor. Körperliche Vernachlässigung zeigt sich in
    · unzureichender, unregelmäßiger oder nicht Alters entsprechender Ernährung
    · mangelnder Körperpflege, unzureichendem Windelwechsel
    · unhygienischer, nicht passender oder nicht der Jahreszeit entsprechender Kleidung
    · unregelmäßigen oder nicht Alters entsprechenden Schlafenszeiten
    · unzureichender Gesundheitsfürsorge (keine Arztbesuche bei Erkrankung u.ä.) oder -vorsorge

    Seelische Vernachlässigung

    bedeutet, dass ein Kind emotional nur unzureichend oder gar nicht versorgt wird. Sie zeigt sich in
    · mangelhafter, unregelmäßiger oder willkürlicher Zuwendung und Förderung
    · unzureichender Aufmerksamkeit (auch in Verbindung mit übermäßiger materieller Aufmerksamkeit)
    · Gleichgültigkeit, Liebesentzug, Gefühlskälte, Feindseligkeit
    · unzureichender Beaufsichtigung / unzureichendem Schutz vor Gefahren
    · Nichtvermitteln von Regeln des Zusammenlebens
    · fehlenden oder unzureichenden Kontakten zu Personen außerhalb des familiären Nahfeldes

    Ursachen von Vernachlässigung

    Es gibt keine eindeutigen Ursachen der Vernachlässigung von Kindern. In der Regel tritt sie durch das Zusammenwirken mehrerer Risikofaktoren ein (wobei das Vorliegen mehrerer Risikofaktoren in einer Familie nicht zwangsläufig zu Vernachlässigung führen muss!). Solche Risikofaktoren sind
    · finanziell und materiell angespannte Situation / Armut, z.B. durch Arbeitslosigkeit, Verschuldung
    · schwierige soziale Situation, z.B. durch Isolation oder eine problematisches Wohnumfeld
    · schwierige persönliche Situation der Bezugspersonen des Kindes / seelische oder körperliche Überforderung, z.B. durch Suchtmittelabhängigkeit, psychische Erkrankung, Depressionen, Isolationstendenzen
    · intellektuelle Überforderung der Bezugspersonen des Kindes / Perspektivlosigkeit
    · problematische Eltern-Kind-Beziehung, z.B. die Ablehnung eines Elternteiles (durch das Kind oder der Elternteil lehnt das Kind ab) oder Beziehungsverweigerung
    · schwierige familiäre Situation, z.B. durch Trennung / Scheidung oder gravierende Familienkonflikte
    · betreuungsintensive Situation des Kindes, z.B. aufgrund von Behinderungen oder wegen erhöhter Krankheitsanfälligkeit

    Folgen von Vernachlässigung

    Vernachlässigung kann – dauerhafte oder vorübergehende - gesundheitsschädliche Folgen haben, lebensbedrohlich werden oder gar zum Tod führen. Darüber hinaus können Kinder, die ständig einen existentiellen Mangel erleben, erheblich in ihrer gesamten Entwicklung beeinträchtigt werden. In der Folge von Vernachlässigung kann es zu körperlichen (z.B. Über- oder Untergewicht, hohe Krankheitsanfälligkeit, verzögerte motorische Entwicklung), psychischen (Interessenlosigkeit, gemindertes Selbstwertgefühl, Depressionen, Ängste u.ä.), sozialen (unangepasstes Sozialverhalten, Distanzlosigkeit, Aggressivität usw.) und intellektuellen (z.B. verzögerte Sprachentwicklung, Konzentrationsschwierigkeiten) Entwicklungsstörungen kommen.

    Je jünger ein vernachlässigtes Kind ist, umso weniger ist es in der Lage, einen erlebten Mangel zu kompensieren („sich selber zu helfen“) und umso größer ist das Risiko langfristiger Schäden in der körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklung bis hin zu lebensbedrohenden oder gar tödlichen Folgen.

    Vernachlässigung im Säuglingsalter kann zur Bindungsunfähigkeit führen, da der Säugling nicht erlernen kann, dass er von erwachsenen Bezugspersonen die notwendige körperliche und seelische Zuwendung erhält. Er wird in einer zukünftig umsorgenden zugewandten Umgebung diese Erfahrung möglicherweise nicht mehr nachholen können.

    Vernachlässigung im Kleinkindalter kann sich in Beziehungsstörungen auswirken. Das Kleinkind musste erfahren, dass einmal erlebte Zuwendung, die für das Kind überlebensnotwendig ist, nicht verlässlich ist. In zukünftigen Beziehungen wird es daher möglicherweise immer mit einem Abbruch der Beziehung rechnen, vorsichtig sein und sich nicht vollkommen auf eine Bezugsperson einlassen (können).

    Ältere Kinder können in ihrem Persönlichkeits- und Selbstwerterleben erheblich geschädigt werden. Sie erleben in Vernachlässigungssituation bewusst, dass sie es offenbar nicht wert sind, umsorgt und geliebt zu werden. Sie werfen dies in ihrem subjektiven Empfinden häufig nicht ihren vernachlässigenden Bezugspersonen vor, sondern suchen den Grund dafür in der eigenen Person.

    Vernachlässigte Kinder lernen – unbewusst oder bewusst – durch ihre subjektiven Erfahrungen, dass sie am besten selber für sich sorgen. Diese Grunderfahrung kann in späteren Beziehungen dazu führen, dass sie sich die Verantwortung für sich selber nicht mehr abnehmen lassen, sondern versuchen, sie altersunangemessen eigenständig zu übernehmen.

    Folgeschäden von Vernachlässigung können sich bis in das Erwachsenenalter zeigen – häufig in psychischen Störungen, Beziehungsproblemen sowie vernachlässigendem Verhalten den eigenen Kindern gegenüber.

    Wer kann bei (Verdacht auf) Kindesvernachlässigung helfen?

    Insbesondere Kinder sind in der Regel nicht in der Lage, sich selber zu helfen. Sie sind darauf angewiesen, dass Familienangehörige, Nachbarn, Lehrer… ihre Situation erkennen und handeln. Auch wenn sie sich nicht sicher sind, sollten sie, wenn sie eine Vernachlässigung vermuten, tätig werden. Ansprechpartner sind das Jugendamt und der Kinderschutzbund. An diese Behörden können sich selbstverständlich auch hilfesuchende Eltern wenden.

    Wer den Weg zu einer Behörde scheut, kann alternativ auch Kontakt aufnehmen mit folgenden telefonischen Ansprechpartnern:

    Elterntelefon
    · bundesweite, gebührenfreie Telefonnummer: 0800 111 0 550
    · erreichbar: montags und mittwochs von 9.00 bis 11.00 Uhr und dienstags und donnerstags von 17.00 bis 19.00 Uhr
    · angesiedelt beim Kinderschutzbund
    · http://www.elterntelefon.de/

    Telefonseelsorge
    · bundesweite, gebührenfreie Telefonnummern: 0800 111 0 111 bzw. 0800 111 0 222
    · 24 Std. errreichbar
    · Angebot der evangelischen und katholischen Kirche
    · http://www.telefonseelsorge.de/

    Eine anonyme Kontaktaufnahme ist überall möglich!

    Ältere Kinder und Jugendliche, die bei außenstehende Personen Hilfe suchen möchten, können sich an die

    Nummer gegen Kummer
    · bundesweite, gebührenfreie Telefonnummer: 0800 111 0 333
    · erreichbar Montag bis Freitag von 15.00 bis 19.00 Uhr
    · angesiedelt beim Kinderschutzbund
    · https://www.nummergegenkummer.de/cms/website.php

    wenden.

    Kinder und Jugendliche haben zudem das Recht, sich in allen Angelegenheiten der Erziehung und Entwicklung an das Jugendamt zu wenden. Sie können dort auch ohne Kenntnis der Personensorgeberechtigten beraten werden, wenn die Beratung aufgrund einer Not- und Konfliktlage erforderlich ist und solange durch die Mitteilung an die Personensorgeberechtigten der Beratungszweck vereitelt oder gefährdet würde (§ 8 SGB VIII). Sie können sich auch an das Kindernottelefon wenden.

    Zum Diskussionsforum „Sonstiges

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