Interview mit I. Stephan zum Thema Entwicklungen in der Beratung von Pflegefamilien

      Interview mit I. Stephan zum Thema Entwicklungen in der Beratung von Pflegefamilien

      Interview mit Ivo Stephan:
      Entwicklungen in der Beratung von Pflegefamilien und eine besondere Ferienfreizeit


      Ivo Stephan, Jahrgang 1963, ist Diplom-Sozialpädagoge. Von 1997 bis 2006 war er Pflegevater zweier seelisch behinderter Jungen. In seiner bisherigen beruflichen Laufbahn war er unter anderem Co-Berater des Therapeutischen Programms für traumatisierte Pflegekinder der Arbeitsgemeinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP) und als Lehrbeauftragter für das Pflegekinderwesen und für psychosoziale Beratung tätig. Seit einigen Jahren arbeitet er als Praktikumsanleiter für Studenten der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik an der Alice-Salomon-Hochschule für Sozialarbeit Berlin und im Bereich der Beratung, Betreuung und Fortbildung von Pflegeeltern und Fachkräften.



      Vom 21.01.10 bis 08.02.10 stand er uns für ein virtuelles Interview über Entwicklungen im Pflegekinderwesen, die Beratung von (heilpädagogischen) Pflegestellen und eine besondere Ferienfreizeit für Pflegekinder zur Verfügung.


      S. Martin: Erzählen Sie uns ein bisschen etwas über ihre Person?

      Ivo Stephan: Ich bin 46 Jahre alt und lebe seit neun Jahren mit meinem niederländischen Partner aus beruflichen Gründen räumlich gesehen mal mehr, mal weniger zusammen. Ich habe zwei (Pflege-) Söhne im Alter von 22 und 17 Jahren, die beide nicht mehr bei mir / uns wohnen. Von Beruf bin ich Nachrichtentechniker, Erzieher und Sozialpädagoge.
      Geboren in Bautzen, lebte ich mit meinen Eltern, einem jüngeren und zwei älteren Brüdern seit meinem siebenten Lebensjahr in Berlin. Aus beruflichen und familiären Gründen wechselte ich 2003 nach Dresden.
      Nachdem mein Partner und ich 2005 das Grundstück in Portugal gekauft hatten, folgte ich ihm neun Monate nach dessen Umzug Ende 2007 nach Landedo.

      Beruflich bin ich seit 25 Jahren in verschiedensten sozialen und pädagogischen Bereichen tätig. Von der Arbeit mit geistig gehandicapten Erwachsenen über die Betreuung von Jugendlichen im Betreuten Wohnen, Straßensozialarbeit mit minderjährigen Strichern, Beratung von Männern in schwierigen Lebenslagen über Jungengruppen und -workshops bis hin zur Erwachsenenbildung reicht das Spektrum der Tätigkeiten im Laufe der Jahre.
      In der verbleibenden Freizeit habe ich früher viel getanzt. Heute lese ich, befasse mich ein wenig mit Sprachen, gehe sehr gern ins Kino, liebe die Natur, die Gartenarbeit und unsere Tiere.

      S. Martin: Wann und wie sind Sie erstmalig mit dem Thema Pflegekinder in Berührung gekommen?

      Ivo Stephan: Mit dem Thema Pflegekinder befasste ich mich erstmals, als ich mir Gedanken darüber machte, wie ich als alleinstehender Mann eine Familie gründen kann. Ich war damals Ende zwanzig. Die meisten meiner Freunde hatten Kinder. Ich hatte ebenfalls das Bedürfnis, nicht mehr „nur“ der nette Babysitter für die Kinder meiner Freunde zu sein, sondern selbst mit Kindern zu leben. Mit einer Frau ein gemeinsames Kind zu haben kam für mich nicht in Frage, da die rechtliche Stellung der Väter ohne Heirat damals viel zu schwach war und ich kein Bedürfnis hatte irgendwann nur der nette Wochenendpapa zu sein, wie so viele andere. Für eine Adoption war und ist noch heute der Rechtsweg für Alleinstehende schwer zu beschreiten. Einen Partner hatte ich damals nicht. Also war für mich, mit hinreichender Erfahrung in der stationären Jugendhilfe, die Pflegefamilie eine gute Möglichkeit, mein berufliches Können mit meinem privaten Wunsch nach Familie zu vereinen.

      S. Martin: Sie haben sich dann – so vermute ich – als Pflegevater beworben . Fühlten Sie sich in der Bewerbungsphase und nach der Aufnahme Ihrer Pflegesöhne gut betreut und auf die Aufgabe vorbereitet? Waren Sie von Anfang an eine heilpädagogische Pflegestelle? Mit welchen Problemen sahen Sie sich konfrontiert?

      Ivo Stephan: Stimmt genau. Ich habe mich als Pflegevater für die Betreuung heilpädagogischer Kinder beworben. Während des Bewerbungsverfahrens und zu Beginn des Pflegeverhältnisses fühlte ich mich kompetent und respektvoll betreut. Ich wurde von den Kolleginnen des Pflegekinderdienstes so gut auf die Aufgabe vorbereitet, wie es eben möglich war. Kinder mit traumatischen Vorerfahrungen in den eigenen Haushalt aufzunehmen, bedeutet auch immer, sich mit dem täglichen Risiko zu arrangieren, nicht zu wissen, was der nächste Tag bringt. Aber letztlich – wer weiß das schon bei seinen eigenen Kindern, die wohl behütet aufwachsen? Mit Kindern zu leben heißt eben immer das Abenteuer im Haus zu haben.

      Im Laufe der Jahre meiner Arbeit als Pflegevater gingen nach meinem Empfinden die massivsten Probleme von den Rahmenbedingungen für Pflegeverhältnisse und nicht von den Besonderheiten der Kinder aus.
      Einige seien stellvertretend aufgeführt:
      - Mitarbeiterwechsel in den Fachdiensten,
      - Nichterreichbarkeit der Mitarbeiter der Fachdienste,
      - mangelnde finanzielle Unterstützung bei erforderlichen Zusatzleistungen wie Therapien, Supervision, Kinderbetreuung u.a.,
      - mangelnde Vernetzung der Pflegestellen,
      - Unwissenheit bzw. Inkompetenz der Mitarbeiter der Fachdienste,
      - Unwissenheit und Inkompetenz bezüglich Pflegefamilien in Schulen und anderen Einrichtungen,
      - mangelnde Rückendeckung des Pflegekinderdienstes für die Pflegeeltern bei Problemen in der Pflegefamilie vor allem in der Pubertät der Pflegekinder

      Dennoch gab es selbstverständlich auch Verhaltensweisen und Eigenarten der Kinder, die mich in besonderer Weise forderten und zeitweise auch überforderten. Auch hierfür einige Beispiele:
      - massive Distanzlosigkeit,
      - massive Grenzüberschreitungen jeglicher Art,
      - Schlafstörungen, die auch mir welche verursachten,
      - Diebstähle und Lügen,
      - Weglaufen,
      - fehlendes Schuldbewusstsein u.v.a.m.

      S. Martin: Sie haben bei mehreren Projekten des Pflegekinderwesens mitgearbeitet. Können Sie sie und Ihre Arbeit dort ein wenig beschreiben?

      Ivo Stephan: Nach der Aufnahme meiner beiden Söhne 1997, absolvierte ich das Studium der Sozialarbeit / Sozialpädagogik an der Alice-Salomon-Fachhochschule (heute Hochschule). Im Rahmen des Studiums arbeitete ich an einer Studie - geleitet durch Prof. Bernd Kolleck - über „Pflegekinder in Berlin“ mit. Das war neben bis dahin besuchten Fortbildungen zum Thema meine erste „übergreifende“ Auseinandersetzung mit Pflegefamilien.

      Während des Studiums lernte ich auch Prof. Dr. Kurt Eberhard kennen, der damals schon mit seiner Frau Gudrun seit vielen Jahren die Arbeitsgemeinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP) leitete. Dort integriert war das Intensivpädagogische Programm (IPP) für traumatisierte Pflegekinder, welchem ich seit 1999 mit meinen Pflegesöhnen angehörte. Als Co-Berater dieses Programms stand ich im monatlichen Austausch mit anderen Pflegeeltern und Kollegen, die sich um schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche in ihren Familien kümmerten. Von dieser Art gab es damals parallel laufend drei Gruppen, die alle von Kurt und seiner Frau supervidiert wurden.

      Aus der gemeinsamen Arbeit mit Kurt und dem Zusammenleben mit meinen schwerst mehrfach traumatisierten Pflegejungs entstand letztlich meine Diplomarbeit über „Biografiearbeit mit Pflegekindern“. Seit Beginn meines Lebens mit den beiden hatte ich Tagebuch über alltägliche Begebenheiten mit ihnen geschrieben. So konnte ich mich selbst aufbauen, wenn ich das Gefühl hatte, dass sich nichts bewegte. Denn anhand meiner Aufzeichnungen war es mir möglich, die zeitweise sehr kleinen Fortschritte in meiner Arbeit mit ihnen überhaupt wahrzunehmen. Mehr und mehr entwickelte ich selbst Hilfsmittel und Methoden, um ihnen bei der Bewältigung ihrer Vergangenheit hilfreich zu sein.
      Die daraus gewonnenen Erfahrungen und Einsichten trug ich zusammen und begann, mich mit der recht spärlichen Literatur zum Thema Biografiearbeit zu befassen. Aus diesem Studium und meiner Arbeit mit den Jungen entstand schließlich die Diplomarbeit.

      S. Martin: Mittlerweile sind Sie mit „Kinderleben“ selbstständig. Was ist“ Kinderleben“, wie kam es zu „Kinderleben“ und was macht „Kinderleben“?

      Ivo Stephan: „Kinderleben“ ist Fortbildung, Beratung, Betreuung. Nach Abschluss des Studiums begann ich, selbst Fortbildungen für Pflege- und Adoptiveltern sowie für pädagogische Fachkräfte in diesem Bereich anzubieten. Diese Arbeit setze ich bis heute fort.
      Darüber hinaus bieten wir - Gerthein de Visser und ich - nun im dritten Jahr Abenteuercamps für Pflege- und Adoptivkinder in Portugal an. Aber dazu später mehr.

      Als ich begann, mich im Fortbildungsbereich selbständig zu machen, war ich auf der Suche nach einem zum Inhalt meiner Arbeit passenden Namen. „Kinderleben“ beinhaltet neben dem zusammengesetzten Wort eine weitere Zusammensetzung „Kind erleben“. Deshalb die farbliche Absetzung in meinem logo. Es geht in Fortbildungen, Beratung und Betreuung um Kinder und wie wir sie erleben.
      „Kinderleben“ bietet Einzel- und Gruppenberatungen zu vielen Themen an, die im Zusammenhang stehen mit Pflege oder Adoption.

      Antrieb für meine Arbeit sind die vielen Pflege- und Adoptivfamilien, denen oft Kinder anvertraut werden, von denen am Anfang niemand weiß, was sie alles erlebt haben und wie sie sich deshalb in den Pflege- und Adoptivfamilien verhalten werden. Dann kommt es zu extremen Auseinandersetzungen und Belastungen in den Familien und die Eltern brauchen Hintergrundwissen und Erfahrung, um diese schwierigen Situationen meistern zu können.
      Ich habe viele dieser Erfahrungen selbst gesammelt und möchte sie denen, die sie brauchen anbieten, als Unterstützung in der Auseinandersetzung mit sich selbst aber auch als Teilhaber an ihrer schweren Arbeit.
      Teilnehmer meiner Fortbildungen bestätigen mir immer wieder, dass es meine Arbeit als Pflegevater ist, die ihnen zusätzliche Sicherheit und Vertrauen in meine Ausführungen und Angebote vermittelt. Aber wie jeder andere Referent muss auch ich mich selbstverständlich immer auf dem Laufenden halten und neueste Entwicklungen in meine Fortbildungen einfließen lassen.

      Seit 2009 gehört zum Fortbildungsbereich auch meine Kollegin Michaela Klähne vom Institut für Organisationsentwicklung und Praxisberatung (IOP). Wir haben gemeinsam zu den großen Themen „Pflege- und Adoptivkinder in der Schule“ sowie „Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Schule“ verschiedene Fortbildungsangebote erarbeitet. Damit stehen wir sowohl interessierten Jugendhilfeträgern und -vereinen als auch Schulen und anderen Einrichtungen zur Verfügung.

      Seit 2008 bietet „Kinderleben“ im Bereich Betreuung die weiter oben bereits erwähnten Abenteuercamps für Pflege- und Adoptivkinder in Nordportugal an. Dort unterstützt mich mein Partner und Kollege Gerthein de Visser, der mit seinen Ausbildungen als bildender Künstler, Koch und Beschäftigungstherapeut ein unverzichtbares fachlich-kreatives Multitalent ist.

      S. Martin: Bleiben wir zunächst im Bereich der Fortbildung, Beratung und Betreuung. Arbeiten Sie – mit Fachkräften und Pflegeeltern - bundesweit oder eher auf regionaler Ebene?

      Ivo Stephan: Ich arbeite dort mit Fachkräften und Pflegeeltern, wo ich angefragt werde.

      S. Martin: Wie erhalten Pflegeeltern Zugang zu Ihren Angeboten? Über Ihre Jugendämter, über Seminarausschreibungen, über das Internet...? Stehen Sie Pflegefamilien auch im Bereich der Einzelfallhilfe/ Krisenintervention zur Verfügung?

      Ivo Stephan: Der Zugang zu den Angeboten erfolgt überwiegend über Jugendämter und freie Träger und dort zumeist über Weiterempfehlungen. In letzter Zeit hat aber auch die Präsens meiner Website im Internet für einige Anfragen gesorgt.

      Krisenintervention gehörte bisher nicht zu meinem Arbeitsfeld.

      Für den Bereich der Einzelfallhilfe suchen mein Partner und ich im Moment noch Jugendämter oder freie Träger, die sich eine Zusammenarbeit mit uns in Portugal vorstellen können. Wir sind der Ansicht – und andere Träger praktizieren das ja schon seit Jahren – dass es immer wieder vor allem Jugendliche gibt, die nur noch zu „erden“ sind, indem sie erst einmal aus ihrem gewohnten Umfeld und allen dort bestehenden Bezügen herausgenommen werden. Gerade bei uns in Landedo ist es möglich, Menschen auf die „Basics“ des (Über-) Lebens zu konzentrieren, weil auch die Einwohner dort nur mit dem Notwendigsten ausgestattet sind. Diese Erfahrung kann dafür sorgen, sein inneres Gleichgewicht (wieder-)zu finden und sich über sein Leben und seine Ziele klar zu werden. Das Ganze natürlich mit unserer Betreuung und Begleitung.

      S. Martin: Begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit mit Pflegefamilien evtl. immer wiederkehrende Probleme, bei denen Sie sagen würden, dass sie eher struktureller Art sind und dass eine Veränderung der Rahmenbedingungen eine positive Auswirkung auf die Pflegefamilien hätte?

      Ivo Stephan: Ja, es gibt meines Erachtens einige immer wiederkehrende Probleme, deren Ursachen struktureller Natur sind.

      Da ist zum einen die Finanzierung von Pflegestellen, insbesondere der heilpädagogischen, die mittlerweile in allen Bundesländern gemessen an der zu leistenden Arbeit der Pflegeeltern unterdurchschnittlich ist im Vergleich zu anderen stationären Angeboten. Dadurch ist der Bedarf an geeigneten Familien regelmäßig niedriger als die Anzahl der Kinder, die diese Form der stationären Hilfe benötigen. Und das, obwohl schon seit Jahren belegt werden kann, dass die Zahl der Beziehungswechsel und -abbrüche in Pflegefamilien geringer gehalten werden kann als in anderen stationären Einrichtungen. Die Bereitschaft zur „Selbstausbeutung“ ist im Bereich der Pflegefamilien ungleich höher als in Heimen oder Langzeitwohngruppen für Kinder und Jugendliche.

      Im weiteren sind Formen der fachlichen Beratung und Unterstützung von Pflegeeltern und deren Entlastung bei weitem nicht so ausgebaut und finanziert wie das in anderen stationären Angeboten Standard ist.

      Aber auch die Verpflichtung für Pflegefamilien, Fortbildung, Supervision und Fachberatung in Anspruch zu nehmen unterliegt in den einzelnen Bundesländern keinem einheitlichen Standard. Das führt, je nach Störungsbild der in den Familien lebenden Kinder und Jugendlichen, häufiger zu Überforderung und „Burn-out“ bis hin zum Abbruch von Pflegeverhältnissen, die bei entsprechender Vorbereitung und Begleitung der Pflegefamilien vermieden oder zumindest gemildert werden könnten.

      Es fehlt noch immer an gesellschaftlicher Wertschätzung der Arbeit von Pflegefamilien, die unabhängig von der Geschichte der ihnen anvertrauten jungen Menschen oft überdurchschnittliches Engagement und hohe Bereitschaft zu fachlicher Arbeit zeigen. Meiner Erfahrung nach bewegen sich viele Pflegeeltern im Spannungs- und Wahrnehmungsfeld zwischen „Sie sind doch nur die Pflegeeltern. Was wollen Sie mir denn sagen?“ und „Sie haben sich doch dafür entschieden, dann müssen Sie doch auch wissen, was zu tun ist.“ D.h. je nachdem, mit wem Pflegeeltern gerade „verhandeln“ - Lehrer, Psychologen, Sozialarbeiter der Pflegekinderdienste oder Sozialpädagogische Dienste, Nachbarn oder Menschen auf der Strasse - stehen Pflegeeltern zusätzlich zu ihrer schweren alltäglichen Arbeit mit den Kindern in einem Erklärungs- und Rechtfertigungsdruck.
      Solange stationäre Einrichtungen also eine stärkere Lobby sowohl in der gesellschaftlichen Wahrnehmung als auch teilweise in den Augen der Fachöffentlichkeit haben, werden sie einem ungleich höheren Erwartungsdruck ausgesetzt sein als Mitarbeiter stationärer Einrichtungen. Das führt dazu, dass ihnen Energie für die Arbeit mit den Kindern, die eigentlich das ganze Engagement ihrer Pflegeeltern benötigen, entzogen wird.

      S. Martin: Wenn Sie mit Fachkräften zusammenarbeiten, erleben Sie sie dann eher als konstruktiv-selbstkritisch und veränderungsbereit oder eher als starr und/ oder Bedingungen unterworfen, die Veränderungen nur schwer möglich machen?

      Ivo Stephan: In der Arbeit mit Fachkräften von Pflege- und Adoptionsvermittlungsdiensten erlebe ich eher die Bereitschaft zu konstruktiv-selbstkritischer Auseinandersetzung und das Bemühen um Veränderung in der Arbeit mit den Familien, wo es geboten scheint.

      Schaue ich jedoch in den Bereich Schule, in dem die Strukturen wesentlich starrer und träger für Veränderungen sind, besteht teilweise wirklich geringe Bereitschaft, sich überhaupt mit dem Thema Pflege- und Adoptivfamilien auseinander zu setzen. Als Begründung höre ich dann oft: „Das ist doch nur ein Randthema. Wir haben gar keine Pflege- und Adoptivkinder bei uns.“
      Fortbildung ist für die meisten Lehrer nicht verpflichtend. Und wenn sie überhaupt die Zeit dafür eingeräumt bekommen, wählen sie aus der Vielzahl der Themen eher jene aus, die sie im Alltag häufiger beschäftigen. Aber oft wissen Schulen nichts oder wenig über den Status von Pflege- und Adoptivkindern und sehen deshalb deren „Fehlverhalten“ in anderen Ursachen als deren Herkunftsgeschichte und Fremdunterbringung.

      In jedem Fall ist es wichtig für Pflegefamilien sich, wo immer es möglich ist, Bündnispartner zu suchen im Sinne einer hilfreichen Sorge und Erziehung der Kinder.
      Das ist auch mein Ansatz, wenn ich an mögliche Fortbildungspartner herantrete. Ich möchte sie sensibilisieren für die Möglichkeiten der partnerschaftlichen Zusammenarbeit, Vernetzung und letztlich auch Entlastung zum Wohle der ihnen allen anvertrauten Kinder und Jugendlichen.

      S. Martin: Sie haben bereits mehrfach ihr Projekt in Landedo/ Portugal angesprochen. Dort bieten Sie u.a. – in diesem Jahr das dritte Mal – ein Abenteuercamp für Pflege- und Adoptivkinder an. Bitte beschreiben Sie uns diese Freizeit, die in der Konzeptionierung ja doch von anderen Angeboten abweicht.

      Ivo Stephan: Diese Abenteuercamps sind aus unserer Erfahrung als Pflegeväter und vieler Rückmeldungen anderer Pflegeeltern entstanden, die auf der Suche nach geeigneten Ferienunterbringungen für ihre Pflegekinder gescheitert sind. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Aber im gros kann ich sagen, dass „herkömmliche“ Reiseanbieter nicht genug spezialisiertes Personal haben, die Gruppen sind oft zu groß und die Pflegekinder nicht genug imstande, sich in diese Gruppen „einzufügen“. Dem setzen wir mit unseren Abenteuercamps etwas entgegen.

      Wir betreuen die Kinder mit ausgebildeten Erziehern, Sozialpädagogen oder Fachleuten ähnlicher Qualifikationen. Die Betreuung wird sehr individuell gestaltet. Das wird möglich durch kleine Gruppen, derzeit maximal 6 Kinder, mit drei Betreuern.
      Wir haben für jedes Camp einen groben Ablaufplan, richten uns in der Gestaltung aber sehr nach den Bedürfnissen und Erfordernissen der mitreisenden Kinder. Das heißt, die Kids sollen ihre Ferien selbst mitgestalten und dürfen sie selbst sein mit all ihren Eigenheiten, Fähigkeiten und Bedürfnissen. Einzige Bedingung: die anderen dürfen nicht darunter leiden, so dass ihnen Erholung unmöglich wird.

      Wir bieten erstklassiges Essen, immer frisch zubereitet und vielfältig. Kinder, die Spaß daran haben, können beim Kochen mithelfen. Völlig neuartige Erfahrungen sind bei uns möglich. Die Kinder können unter freiem Himmel oder im Tipi schlafen, mit den Händen oder mit Stäbchen essen. Wir haben Badestellen an Flüssen der Umgebung, in denen die Kinder im eiskalten Flusswasser baden, aber auch Seen umgeben von traumhaften Bergkulissen.

      Häufig ist es die erste Reise in ein so weit entferntes Land, weg von den Pflegeeltern.
      Unsere anfänglichen Bedenken wegen der Entfernung haben sich nicht bestätigt. Es gibt kaum Heimweh, was meines Erachtens damit zu tun hat, dass Pflege- und Adoptivkinder in ihrem kurzen Leben schon einer wesentlich einschneidenderen Trennung, nämlich der von der Herkunftsfamilie, ausgesetzt waren. Wenn die Pflege- und Adoptivfamilien also die Reise gemeinsam vorbereiten und vor allem die Eltern ihnen dieses Abenteuer gönnen, werden es die Kids wirklich genießen können. Die Rückmeldungen von Eltern, deren Kinder in den vergangenen zwei Jahren bei uns waren, bestätigen das sehr eindrücklich.

      S. Martin: Sie haben im Rahmen der von ihnen geplanten Einzelfallhilfe von den „therapeutischen Möglichkeiten“ Landedos gesprochen. In der Kombination – kleine Gruppe, hoher Betreuerschlüssel, hohe Fachlichkeit der Betreuer – mutet auch die Ferienmaßnahme schon fast therapeutisch an. Trifft dies zu oder ist das nicht ihre Intention?

      Ivo Stephan: In erster Linie möchten wir den Kindern einen erlebnisreichen, entspannenden Urlaub mit Spaß ermöglichen. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Form der Ferien auf einige Kinder auch therapeutisch wirkt. In diesen Fällen ist das ein positiver „Nebeneffekt“, der allen zugute kommt. Für einige ist es ohne Frage ein Wagnis, nachts unter freiem Himmel zu schlafen, ins eiskalte Wasser zu springen, sich auf unseren Esel zu setzen oder unseren Hund zu streicheln. Häufig erleben wir auch Selbstzweifel einzelner Kinder, wenn es um die Gestaltung der Ferientagebücher geht, die ein fester Bestandteil jedes Camps sind. Sie halten sich für unkreativ. Einige meinen, nicht zu wissen, was sie zeichnen sollen bzw. es gar nicht zu können. Es ist dann Teil unserer Arbeit, die Kinder dazu zu bewegen, diese „Hürde zu überspringen“. Und es entstanden erstaunliche Arbeiten, die die Kinder zu Hause präsentierten. Auf diese Weise können sie sich noch länger an die Ferien erinnern.
      Die Kinder helfen uns bei der Versorgung der Tiere, beim Giessen der Pflanzen im trockenen Sommer und erleben, dass sie Dinge leisten können, die ihnen im Alltag nicht abverlangt werden.
      Es findet nach jedem Frühstück eine "Morgenrunde" statt, in der jeder seinen Frust über Dinge, andere Kinder oder Betreuer los werden kann. Ebenso berichten die Kinder aber auch über Erlebnisse des Vortages, die ihnen besonderen Spaß bereitet haben und sie dürfen ihre Vorstellungen für den neuen Tag äußern.

      S. Martin: Für welche Kinder/ Jugendlichen ist diese Freizeit besonders geeignet und für welche vielleicht eher nicht?

      Ivo Stephan: Die Abenteuercamps sind geeignet für Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 17 Jahren, die in unterschiedlicher Weise in ihrer Entwicklung behindert wurden. Das können
      emotionale oder Lernbehinderungen sein, leichte Verstandesbehinderungen oder leichte körperliche Behinderungen. Wegen der Ruhe und Reizarmut unserer Umgebung sind die Camps insbesondere für Kids mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen geeignet. In jedem Fall sind unsere Camps nur für Kids geeignet, die Lust auf Abenteuer, Natur, Tiere, Baden und einfaches Leben in den Ferien haben.

      Die Camps sind nichts für gruppenunfähige Kinder. Auch bei sehr individueller Betreuung ist es uns nicht möglich, durchgängig Einzelbetreuung für Kids in dieser Zeit anzubieten. Wir bieten Eltern jedoch die Möglichkeit, dann über gesonderte Angebote mit uns ins Gespräch zu kommen.
      Ferner sind diese Camps nicht geeignet für Kinder mit erheblichem Pflegebedarf und Kinder, die regelmäßiger medizinischer Kontrolle bedürfen.
      Unser Gelände ist absolut ungeeignet für Rollstuhlfahrer.

      S. Martin: Eine letzte Frage: Sie haben sowohl als Pflegevater als auch als Fachkraft jahrelange Erfahrung im Pflegekinderwesen. Was hat sich in dieser Zeit verändert und wo sehen Sie weiteren Veränderungsbedarf?

      Ivo Stephan: In den 14 Jahren meiner Arbeit im Pflegekinderwesen gab es vielfältige Veränderungen.
      Pflegeeltern professionalisieren zunehmend ihre Arbeit, was den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen zugute kommt. Die regionale und überregionale Vernetzung der Pflegefamilien und Fachkräfte hat sich entscheidend verbessert. Viele Pflegekinderdienste wurden aus den Strukturen des Jugendamtes ausgegliedert und deren Arbeit an freie Träger übergeben. Es gab und gibt Bemühungen bundesweite Standards für die Arbeit in Pflegestellen zu entwickeln.
      Diese Entwicklungen sind durchaus positiv zu bewerten.

      Kritisch sehe ich die Diskrepanz zwischen der verantwortungsvollen und teilweise nervenaufreibenden Arbeit der Pflegefamilien und die Bezahlung für deren Arbeit. Insbesondere Berlin gab ein Negativbeispiel dafür. Das bundesweit einmalige Modell der Bezahlung heilpädagogischer Pflegestellen, die mit wirklich schwer traumatisierten Kindern arbeiten, wurde 2003 gekippt, die Honorierung massiv beschnitten. Das brachte viele Familien, die langfristig für die Arbeit mit den Pflegekindern planten in große Schwierigkeiten. Pflegeverhältnisse wurden abgebrochen und Leidtragende waren vor allem die Kinder, die ohnehin schon gezeichnet waren durch Brüche in ihrer Biografie.
      Eine finanzielle Angleichung des Bundesdurchschnitts an das Berliner Niveau wäre das richtige Zeichen gewesen, um die Arbeit der bestehenden Pflegestellen zu wertschätzen und neue motivierte Pflegefamilien gewinnen zu können. Hier haben die verantwortlichen Politiker versagt.

      Damit wird bereits deutlich, wo der Veränderungsbedarf im Pflegekinderwesen liegt.
      Der Anerkennung der Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen über traumatisierte Kinder und Jugendliche und das Potenzial von Pflegefamilien muss mehr Gewicht gegeben werden. Die Bedürfnisse der Pflegekinder müssen noch umfassender wahrgenommen und deren Interessen geschützt werden. Jugendämter und Gerichte müssen schneller reagieren, wenn es um eine gesicherte Perspektive für die Kinder geht. Über Gebühr ausgedehnte Kurzzeitpflegeverhältnisse müssen so schnell wie möglich der Geschichte angehören. Mit Herkunftseltern muss intensiver daran gearbeitet werden, ihren Kindern in Dauerpflegeverhältnissen eine neue Chance einzuräumen und ihre Elternrolle mit fachlicher Unterstützung neu zu definieren.

      Sicher wären noch weitere Aspekte zu nennen. Doch sollen diese Gedanken als Anstoß für eine breite Diskussion genügen.

      S. Martin: Vielen Dank für das Interview.

      Ivo Stephan: Ich danke Ihnen für das entgegengebrachte Interesse.



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