Interview mit Birgit Nabert: Krisenintervention in Pflegefamilien

      Interview mit Birgit Nabert: Krisenintervention in Pflegefamilien

      Interview mit Birgit Nabert: Krisenintervention in Pflegefamilien

      In der Zeit vom 09.02.09 bis 22.02.09 konnte Struppel ein Interview mit Birgit Nabert zur Krisenintervention in Pflegefamilien führen.



      Birgit Nabert ist 48 Jahre alt. Sie ist Krankenschwester, Mutter von zwei leiblichen Kindern und drei Pflegekindern.

      Sie ist Vorsitzende der LAG KiAP Schleswig Holstein und stellvertretende Vorsitzende der BAG KiAP. Bereits seit Jahren begleitet sie als Krisenhelferin Pflegefamilien.

      2006 hat Frau Nabert für ihr außergewöhnliches Engagement im "Krisenhilfeprojekt für Pflegefamilie in Schleswig Holstein" den Förderpreis der Stiftung zum Wohl des Pflege kindes erhalten.

      S. Martin: Seit wann und warum machen Sie Verbandsarbeit?

      B. Nabert: In meinem ersten Leben, war ich Stationsschwester auf einer großen operati ven Intensivstation. Aufgrund einer Schwerbehinderung kann ich seit vielen Jahren meinen Beruf nicht mehr ausüben.

      Um nicht unnütz zu sein, kam mir die Idee Pflegekinder aufzunehmen. Zu dem Zeitpunkt kannten wir nur das Wort Pflegekind und verknüpften dies mit keiner Bedeutung. Erst als wir Geschwisterkinder für die Dauer von 2 Jahren bei uns aufnahmen, stellten wir uns all mählich die Frage, was ein Pflegekind wohl ist, wenn es so ist wie unsere Beiden es waren. Es gab auch noch die Möglichkeit, die wir ernsthaft betrachteten, ob wir erziehe risch für Kinder grundsätzlich ungeeignet wären. Die massive Problemlage unserer Pflege kinder und die immer wieder ausweichenden Antworten unseres Jugendamtes, wie: „da müssen Sie härter durchgreifen“, „die Kinder testen nur aus“ oder „das machen Pflegekin der so“, hat uns in der Bewältigung der Schwierigkeiten nicht weiter gebracht.

      Erst die Supervision in einem SPZ erklärte uns dann die Folgen der schweren Traumati sierungen unserer Pflegekinder und erarbeitete mit uns spezielle Lösungswege für diese speziellen Kinder.

      Schon zu dieser Zeit haben wir an Pflegeelterngesprächskreisen teilgenommen, wo auch andere Pflegeeltern mit ähnlicher Problemlage Verständnis für uns hatten.

      Nach einem Umzug nach Schleswig Holstein, suchten wir sofort wieder so einen Pflege elternanschluss. Den fanden wir im Landesverband, wo schon einen Tag nach meinem Ersttelefonat die Mitgliederversammlung stattfand. Dort fehlten Kandidaten zur Mitarbeit und ich wurde ermutigt teilzunehmen und die Stellvertretung zu übernehmen. Natürlich war kein weiterer Kandidat vor Ort und ich wurde in das Amt gewählt.

      S. Martin: Heute sind Sie die Vorsitzende des Landesverbandes KiAP Schleswig Holstein und die stellvertretende Vorsitzende der BAG KiAP. Wie war Ihre Entwicklung, ihr „Werde gang“ innerhalb der KiAP und was tun Sie dort schwerpunktmäßig?

      B. Nabert: Seit 1998 bin ich mit dem "Job" der Stellvertretung in eine Krisenhilfe hinein gewachsen, die sich zwei Jahre später mit der Übernahme des Vorsitzes des Landes verbandes Schleswig-Holstein massiv ausweitete.

      Nicht nur die immer wiederkehrenden Hilferufe von Pflegeeltern in ausweglosen Situatio nen wurde unser Alltagsgeschäft, auch der Beistand für Pflegefamilien bei Hilfeplänen und Jugendamtsgesprächen.

      In den Jahren konnten wir ein Helfernetzwerk von Psychologen, Sozialpädagogen, Juris ten, Internetspezialisten usw. gewinnen, im Sinne unserer Kinder Einsatz zu leisten.
      Da alles hier bei mir koordiniert wurde, erweitere sich mein Erfahrungsspektrum soweit, dass ich nun als Krisenhelfer für Kinder in staatlicher Obhut kompetente Soforthilfe anbie ten kann.

      Seit dem Jahr 2000 (Wahl zur 1. Vorsitzenden des Landesverbandes KiAP Schleswig-Holstein) habe ich regelmäßig Bundesveranstaltungen besucht und dort den Landes verbandes KiAP Schleswig-Holstein immer eingebracht. Im September 2008 wurde ich zur stellv. Vorsitzenden der BAG KiAP gewählt.

      S. Martin: Pflegefamilien werden durch das Jugendamt begleitet. Warum ist Krisenhilfe in Pflegefamilien dann überhaupt notwendig?

      B. Nabert: Ihre Frage ist nicht ganz richtig formuliert. Jugendämter sollten Pflegeeltern beraten und betreuen, ganz nach ihrem gesetzlichen Auftrag. Wie diese Beratung und Betreuung aussieht ist von Jugendamt zu Jugendamt sehr unterschiedlich.

      Viele Jugendämter machen für Pflegefamilien dabei einen guten Job, da sie zu schätzen wissen, welch wichtige Aufgabe und Hilfe Pflegeeltern für die Pflegekinder sind. Einige Jugendämter sehen Pflegeeltern jedoch als Dienstleister ihres Amtes und geben sich da her in kooperativem Umgang miteinander nicht viel Mühe.

      Dazu kommt oft eine fehlende Perspektivplanung für die betroffenen Pflegekinder. Wenn der Leidensdruck der Pflegeeltern zu groß wird und sie nicht verstehen können, warum es ihrem Kind so schlecht geht, das Jugendamt jedoch immer noch behauptet, alles muss so sein, dies sei bei Pflegekindern eben so, dann suchen Pflegeeltern Hilfe.

      Die finden sie nicht in ihrem Jugendamt. Dort liegen oft keine Informationen über Pflege elternvereine oder Initiativen aus. Sie suchen über Mundpropaganda, oder das Internet, bis sie mich dann gefunden haben.

      Wenn die Schulung der Pflegeeltern dann noch zu wünschen übrig lässt (Tagesmütter müssen 160 Std. Fortbildung nachweisen) und gutmütige Pflegeeltern schwer traumati sierte Kinder vermittelt bekommen, ohne zu wissen was das bedeutet, ist eine Krise oft vorprogrammiert.

      S. Martin: Das bedeutet konkret, dass es Jugendämter gibt, gegen ihren gesetzlichen Auf trag verstoßen und/ oder bei der Schulung insgesamt oder der Auswahl der Pflegereltern (für ein bestimmtes Kind) die nötige Sorgfalt vermissen lassen. Können Sie aus Ihrer Er fahrung Gründe dafür benennen?

      B. Nabert: Für Jugendämter gibt es keinen gesetzlichen Auftrag Pflegefamilien in be stimmter Weise zu schulen. Das obliegt der kommunalen Selbstverwaltung, so dass jedes Jugendamt hier den eigenen Ermessensspielraum wahrnimmt. Durch den enormen Druck innerhalb vieler Jugendämter ist gerade die genaue Auswahl für ein einzelnes Kind oft zweitrangig. Hier geht es vielerorts um eine schnelle „Einweisung“ eines Kindes in eine preiswerte Pflegefamilie. Die anschließende Einzelproblematik durch die wenig oder schlecht vorbereitete Pflegefamilie landet oft bei mir auf dem Tisch. Problematisch ist, dass bei diesen Pflegefamilien oftmals wichtige Informationen zum Kind, z.B. Vorgeschichte, er lebte Traumata, mehrfache Unterbringungen o.ä., nicht an die Pflegeeltern weitergegeben wurden. Zur Begründung wird hier den gutgläubigen Pflegefamilien der Datenschutz als Grund mitgeteilt. In einer guten Vorbereitung würden Pflegeeltern lernen, dass diese Aus sage nicht haltbar ist.

      S. Martin: Ergeben sich daraus Forderungen, die Sie – als Krisenhelferin und als „KiAP-Frontfrau“- an die Jugendhilfe oder an die Politik stellen?

      B. Nabert: Ja. Pflegefamilien sind im Jugendhilfesystem ein hohes Gut. Jugendämter soll ten in Abwägung ihrer Kosten Nutzen Situation die großen Ressourcen guter und erfahre ner Pflegefamilien berücksichtigen und mit ausreichender Grundschulung ähnlich der der Tagesmütter eine Basis schaffen, ein Pflegeverhältnis möglichst langfristig zu sichern.

      Kontraproduktiv dabei sind Zitate einiger Jugendämter: „Pflegeeltern sind Dienstleister des Jugendamtes“. Pflegefamilien sind Partner eines Jugendamtes und müssen auch so behandelt werden.

      Die Politik müsste Pflegefamilien absichern, dass Kinder nach erfolgter Bindung an die Pflegefamilie nicht mehr rückführbar sind und dieser Schutz vom Staat eingefordert werden kann.

      S. Martin: Wie könnte eine solche politische Absicherung aussehen? Gesetzlich ist doch ein Perspektivwechsel bereits vorgeschrieben, wenn die Bedingungen in der Herkunfts familie sich nach einer für das Kind vertretbaren Zeitspanne nicht ausreichend stabilisieren. Dann hat sich die Perspektiventwicklung allein an den Bedürfnissen des Kindes zu orien tieren. Das Problem scheinen mir nicht die fehlenden gesetzlichen Grundlagen zu sein sondern die Art, wie einzelne Jugendämter sie umsetzen bzw. eben gerade nicht.

      B. Nabert: Das Kinder und Jugendhilfegesetz (KJHG) ist ein in erster Linie elternorientier tes Gesetz. Auch die zu erwartenden Gesetzesänderungen in Sachen Kinderschutz, wer den sich wieder um die sorgeberechtigten Eltern drehen, die im Kinderschutzverfahren, bei eigenem Versagen, Ansprechpartner sein sollen.

      Eine Perspektivplanung für Kinder würde eine zielgenaue Einschätzung für jedes betrof fene Kind bedeuten und danach das selbstbewusste Handeln nach dieser Planung. Da sich Jugendämter damit möglicherweise einen Weg zurück zu den leiblichen Eltern ver sperren, dies aber ein preiswerterer Weg sein könnte, wird diese Tür eben oftmals nicht durch zielgenaue Planung zugeschlagen. Würde der Gesetzgeber den Kindern ein Recht auf feste Bindung einräumen, wäre dieses Problem für die Kinder beseitigt. Viele Sozial arbeiter müssten dann jedoch umdenken und umlernen.

      S. Martin: Um einen genaueren Einblick über ihr Arbeit als Krisenhelferin zu bekommen: Was sind die Probleme, mit denen sich Pflegefamilien konfrontiert erleben und bei denen sie Sie um Hilfe bitten? Und wie sehen Ihre Unterstützungsmöglichkeiten dann konkret aus?

      B. Nabert: Häufig sind es schwere Probleme für traumatisierte Pflegekinder in Besuchs kontakten. Diese erleben ihr Trauma jedes Mal erneut und erkennen, dass kein Erwachse ner ihnen aus diesem Dilemma heraushelfen kann. Pflegeeltern können dann den schlech ten Allgemeinzustand ihres Pflegekindes beschreiben, hören jedoch auf Nachfrage beim Jugendamt oft nur: „Das muss ein Pflegekind schon aushalten, das müssen sie in der Pflegefamilie entspannen“

      Das zweite große Thema sind Rückführungsabsichten von Pflegekindern, die oft schon bei den Pflegeeltern angedockt haben. Hier ist ein Trend dahin, dass diese Rückführungsab sicht nicht mehr in erster Linie von uneinsichtigen Herkunftseltern geäußert wird, sondern sehr häufig von Jugendämtern selbst.

      Unsere Unterstützung besteht in dem Verständnis für die Pflegefamilie mit dem Blick auf das Kind. Schon im ersten Gespräch höre ich oft, dass die Pflegefamilie noch nie so ver standen wurde. Dann können wir persönliche Beratungsgespräche mit dem Einblick in die vorhandenen Unterlagen anbieten. Auch Hilfepläne bereiten wir dann geordnet und schrift lich mit der betroffenen Pflegefamilie vor. In sehr schwierigen Konflikten begleiten wir die Pflegefamilie als Beistand zu den Terminen.

      Unsere Hilfen erstrecken sich oft über einige Jahre für eine Pflegefamilie, da solche Krisen nicht von einem Monat auf den anderen zu lösen sind.

      S. Martin: Gelingt es Ihnen, im Rahmen der Krisenintervention die Einstellungen und Philosophien der Jugendämter, mit denen Sie dann zu tun haben zu verändern oder geht dort, wenn Sie nicht mehr beteiligt sind, alles so wie zuvor weiter?

      B. Nabert: Jugendämter versuchen ihre Arbeitsweisen und Philosophien so gut wie mög lich vor der Öffentlichkeit zu schützen. Sind wir beteiligt, handelt es sich immer erst mal um bedauerliche Einzelfälle. Erst wenn strukturelle Probleme eines Jugendamtes durch An häufung unserer Präsenz unübersehbar werden, wird versucht eine oberflächliche Abhilfe zu schaffen. Tiefgreifende Veränderungen mit dem Blick auf die betroffenen Kinder würden wir uns wünschen.

      S. Martin: Kann sich jede Pflegefamilie an Sie wenden oder gibt es besondere Voraus setzungen, z.B. ein bestimmtes Einzugsgebiet oder Verbandszugehörigkeit?

      B. Nabert: Grundsätzlich berate ich unsere Mitglieder in Schleswig Holstein, diese begleite ich auch als Beistand. Schon einige Jahre besteht jedoch eine Patenschaft unseres Landesverbandes mit der LAG Mecklenburg Vorpommern. Somit biete ich auch dort in schwierigen Krisen die gleiche Hilfe an.

      Ich nehme jedoch inzwischen aus vielen Bundesländern Anfragen und Hilfegesuche an, die ich dann in die zuständige Landesvertretung weitergebe.

      Nur wenn es von dort gewünscht wird, berate ich dann telefonisch weiter.

      S. Martin: Wie wird die Krisenhilfe finanziert?

      B. Nabert: Unsere Arbeit der Krisenhilfe wird nicht finanziert. Dazu haben wir eine Ableh nung unseres Ministeriums erhalten. Somit wird unsere Krisenhilfe aus unseren Mitglieds beiträgen bestritten.

      S. Martin: Mit welcher Begründung erfolgte die Ablehnung? Erschien es dem Ministerium nicht vorstellbar, dass eine solche Arbeit tatsächlich notwendig ist oder sah es sie originär an anderen Stellen angesiedelt?

      B. Nabert: Die Antwort unseres Ministeriums lautete: “Es handelt sich um Aufwendungen die in großem Umfang Einzelfallhilfen betreffen und vom Land als überörtlicher Träger der Jugendhilfe nicht gefördert werden.“

      Hier wird deutlich, dass sich das Ministerium mit den Aufgaben und Zielen unseres Lan desverbandes nicht auseinandergesetzt hat. Auf gezielte Nachfrage und Bitte um Unter stützung geben die Mitarbeiter des Ministeriums immer wieder an, dass sie für Jugend ämter nur beratend tätig sein dürfen.

      S. Martin: Was würden Sie Pflegeeltern raten, die das Gefühl haben, mit ihrem Pflegekind stimmt etwas nicht und das Jugendamt wiegelt ab?

      B. Nabert: Wenn Pflegeeltern das Gefühl haben, dass ihr Bauchgefühl (z.B. mein Pflege kind leidet nach jedem Besuchskontakt auf neue, es dauert ewig, bis es sich gefangen hat) mit dem Kopfgefühl (das muss eine Pflegefamilie tragen und auffangen können) nicht übereinstimmt oder das Jugendamt oder die Eltern Rückführungsgedanken andeuten, soll ten sie sich bei einem ihrer Landesverbände rechtzeitig beraten lassen, bevor es zu einer großen Krise kommt.

      Im frühen Stadium eines drohenden Konfliktes ist mit Gesprächen und manchmal wenig Aufwand ein gutes Ergebnis für das betroffene Kind zu erreichen.

      S. Martin: Krisenhilfe ist sicherlich eine wichtige Arbeit Ihres Verbandes. Letztlich behebt sie aber doch eigentlich „nur“ die Symptome, wenn die Jugendhilfe ihre Arbeit „nicht richtig“ macht. Wenn Sie entweder Pflegefamilien nicht ausreichend auf ihre Arbeit vorbereitet, sie nur unzureichend begleitet oder die Interessen des Kindes aus dem Auge verliert u.ä.

      Wie positioniert sich die BAG-KiAP hierzu? Welche Veränderungen fordert sie, damit Krisen in Pflegefamilien möglichst nicht vorkommen bzw. frühzeitig erkannt und aufgefan gen werden?

      B. Nabert: Die BAG KiAP bietet sich an, als Partner der Jugendhilfe an Verbesserungen mitzuwirken. Das kann auf Landes- wie auch Bundesebene passieren. Durch das regel mäßige Aufdecken von Mangelerscheinungen, kann die BAG an der Medizin dagegen mitwirken.

      Die BAG KiAP hat eine Stellungnahme zum Kinderschutzgesetz verfasst ( kiap.de ) und wird sich für die Erweiterung des Paragraphen 1632 a einsetzen, in dem das Recht des Kindes auf feste Bindung auch bei Pflegeeltern festgeschrieben wird und es somit nicht mehr möglich wäre, Kinder nach vielen Jahren zurückzuführen.

      S. Martin: Eine letzte Frage: Brauchen wir eine Aufsichtsbehörde für Jugendämter und wenn ja, wie müsste diese gestaltet sein?

      B. Nabert: Ja, meines Erachtens brauchen wir eine Aufsichtsbehörde für Jugendämter. Entweder fällt diese Aufgabe den Ministerien zu oder sie wird in Form eines Kinderschutz beauftragten eingeführt. Dieser Kinderschutzbeauftragte sollte nach dem Vorbild des Behindertenbeauftragten flächendeckend eingesetzt werden und dann eingeschaltet werden können, wenn Probleme um ein Kind sehr konflikthaft sind.

      S. Martin: Vielen Dank für das Interview!
      Redaktion von Pflegeelternnetz.de

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