Interview mit Ricarda Hasse: Westfälische Pflegefamilie

      Interview mit Ricarda Hasse: Westfälische Pflegefamilie

      Interview mit Ricarda Hasse zum Thema "Westfälische Pflegefamilie" (WPF)

      In der Zeit vom 25.12.2007 bis 10.01.2008 konnte M. Rohde mit R. Hasse vom SkF Paderborn ein Interview für das Pflegeelternnetz per E-Mail führen

      Ricarda Hasse ist Diplom-Sozialarbeiterin und hat langjährige Erfahrung im Adoptions- und Pflegekinderdienst. Sie hat eine Weiterbildung im Bereich der Integrativen Kinder- und Jugendlichentherapie absolviert und ist seit 1993 Fachberaterin für Vollzeitpflege gem. § 33 Satz 2 SGB VIII nach dem Konzept "Westfälische Pflegefamilien". Frau Hasse ist angestellt beim Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Paderborn. 1999 erhielt Frau Hasse die Approbation als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin nach dem Psychotherapeutengesetz.




      M. Rohde: Frau Hasse, wieviele westfälische Pflegefamilien (WPF) betreuen Sie derzeit, und hat sich der Bedarf an dieser Form der Fremdunterbringung in den letzten Jahren verändert?

      R. Hasse: Als WPF-BeraterIn in Vollzeitbeschäftigung(38,5 Wochenstunden) ist es möglich, maximal 20 Kinder in ihren Pflegefamilien zu betreuen. Je nach Intensität des Beratungssettings (differenziert nach den Betreuungsschlüsseln 1:10, 1:15 und 1:20) ist die Anzahl der Familien aber in der Regel geringer. Sinn und Zweck der Begrenzung der Fallzahlen ist es, eine bestimmte Intensität der Beratung zu erhalten. Dies ist eines der Qualitätsmerkmale der Westfälischen Pflegefamilien. Ganz aktuell habe ich noch Kapazitäten frei, aber ein neues Pflegeverhältnis befindet sich bereits in der Kontaktanbahnungsphase. Bewegung gibt es im Laufe des Jahres immer (z.B. bedingt durch Erreichen der Volljährigkeit oder den Wechsel in eine andere Jugendhilfeform/Wohnform). Wenn mehr potentielle WPF bereit stehen würden als beraten werden könnten, würde mein Träger die personellen Kapazitäten erweitern, d.h. eine/n weitere/n Berater/in einstellen.

      Die Tendenz, dass immer mehr Eltern aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sind, eine dem Wohl des Kindes oder Jugendlichen entsprechende Erziehung zu gewährleisten, setzt sich leider fort. Bedauerlicherweise werden in der Jugendhilfe häufig auch in dysfunktionalen Familiensystemen zunächst vorrangig ambulante erzieherische Hilfen eingesetzt, um Fremdplatzierungen (und damit ja auch kostenintensivere Maßnahmen) zu vermeiden. Die Unterbringung in eine WPF findet daher erst statt, wenn sämtliche ambulanten Hilfen versucht worden sind und nicht geholfen haben. Folglich ist wertvolle Zeit verloren gegangen. Unsere Kinder im WPF-System sind zum Teil älter und stärker entwicklungsbeeinträchtigt als in früheren Jahren. Die Auffälligkeiten und Vorschädigungen, die die Kinder aufweisen, sind auch extremer geworden. Es gibt Kinder bzw. Jugendliche, die so erheblich vernachlässigt und traumatisiert worden sind, dass es schwierig sein wird, für sie geeignete Pflegefamilien zu finden. Aber auch die Zahl der jüngeren Kinder, die erheblich belastet und z.T.
      irreversibel geschädigt sind, nimmt zu.

      Zur Zeit leben ca. 800 Kinder und Jugendliche in Westfälischen Pflegefamilien, dies bedeutet 50 % Zuwachs in den letzten 5 Jahren, 2003 waren es noch 533 Kinder. WPF ist das größte System bundesweit, welches sich die Vermittlung entwicklungsbeeinträchtigter Kinder und Jugendlicher zur Aufgabe gemacht hat. Diese Zahlen machen deutlich, dass es immer mehr Pflegekinder gibt, die einen besonderen pflegerischen und erzieherischen Bedarf haben.

      M. Rohde: Wäre es dann nicht effektiver früher eine Fremdplatzierung ins Kalkül zu ziehen und damit dem Kind größere Chancen auf korrigierende elterliche Erfahrungen zu geben? Ganz davon abgesehen, dass ein nicht mehr in eine Pflegefamilie zu vermittelndes Kind einen wesentlich kostenintensiveren Heimplatz benötigt.

      R. Hasse: Wenn absehbar ist, dass sich die Lebensverhältnisse in der Herkunftsfamilie in einem überschaubaren Zeitraum trotz ambulanter Hilfen nicht verbessern, was bei schweren Krankheitsbildern wie z.B. bei einer Sucht oder einer Persönlichkeitsstörung der Fall ist, sollten die Kinder aus fachlicher Sicht möglichst früh aus dem bisherigen Milieu herausgelöst und in eine Pflegefamilie integriert werden. Je jünger das Vermittlungsalter ist und je weniger Leid zugefügt wurde, um so größer wird die Chance sein nachreifen zu können und sich zu einer gesunden Persönlichkeit zu entwickeln. Dies kann unter Umständen dann auch durchaus in einer Normalpflegefamilie geschehen. Eine Hilfeform nach § 33 Satz 2 SGB VIII wird erst dann notwendig, wenn die Auswirkungen größer sind und die Kinder mit den Alltagsbedingungen einer „normalen“ Familie überfordert wären. Schwer misshandelte oder traumatisierte Kinder, die oftmals viel zu lange in ihren Herkunftsfamilien gelebt haben, benötigen Bezugspersonen, die entsprechend den Vorgaben der WPF-Leistungsbeschreibung (siehe „Links“ ) Familienaufgabe und ihre pädagogisch-professionelle oder medizinisch-pflegerische Tätigkeit verbinden möchten. Es handelt es sich z.B. um Menschen, die im pädagogischen Bereich erfahren sind, die gewohnt sind ihr eigenes Verhalten zu reflektieren, Supervision in Anspruch zu nehmen, mit schwierigen Reaktionen der Kinder umzugehen. Es sind Ehepaare, Paare oder Einzelpersonen, die enge persönliche Beziehungen eingehen, aber aufgrund ihrer Professionalität oder ihrer besonderen pädagogischen Eignung in der Lage sind, ihre emotionalen Erwartungen zurück zu stellen und sich in höherem Maß an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientieren als es bei Normalpflegestellen der Fall ist.

      Durch die besseren Standards, die es im WPF-Bereich gibt (u.a. eine zeitintensivere Vorbereitungs- und Qualifizierungsarbeit, eine sorgfältige Anbahnungsphase, eine regelmäßige qualifizierte Betreuung, Begleitung und Beratung sowie zusätzliche Fortbildungsangebote für Pflegeeltern) können auch schwerer entwicklungsbeeinträchtigte Kinder Pflegefamilien finden. Der finanzielle Mehraufwand, der mit der Einrichtung einer WPF verbunden ist, rechnet sich, wenn Unterbringungen in Einrichtungen der Jugend- und Sozialhilfe auf diese Weise vermieden werden. Die Kosteneinsparungen wären natürlich noch größer, wenn die Kinder, wie gesagt, früher in ganz normale Pflegefamilien vermittelt werden könnten.

      M. Rohde: Wie kann das WPF-Konzept ausgebaut und für möglichst alle entsprechend bedürftigen Kinder erweitert werden?

      R. Hasse: Das Konzept ist eigentlich, so wie es ist, schon ganz gut und müsste aus meiner Sicht gar nicht wesentlich verändert werden. Aber die anbietenden Jugendhilfeträger (inzwischen 33 an der Zahl) haben sich selbstverständlich zur Aufgabe gemacht, kontinuierlich im Austausch und auf der Grundlage der Erfahrungen in der Praxis die gemeinsam entwickelte Leistungsbeschreibung und das Vertragsregelwerk zu reflektieren und punktuell zu verbessern.

      2005 wurde im Auftrag des LWL-Landesjugendhilfeausschuss von den beiden Fachhochschulen Münster und Dortmund unter Begleitung des LWL-Landesjugendamtes Westfalen das Studienprojekt "Evaluation zur Qualität der Hilfen zur Erziehung in Westfälischen Pflegefamilien" (siehe „Links“ ) durchgeführt. Das positive Ergebnis lieferte vielfältige Anregungen und Aspekte für eine weitergehende zukünftige Qualitätsverbesserung zu Gunsten der WPF-Kinder.

      Es schließt sich nun ein Qualitätsentwicklungsprojekt an, in welchem die Dienstleistungsprodukte, Arbeitsabläufe und Arbeitsprozesse detailgenau beschrieben und transparent dargestellt werden. Es geht mit anderen Worten um die Standardisierung von Schlüsselprozessen, der Strukturqualität und der zukünftigen Controllingverfahren. Wir möchten bei unseren „Kunden“, den Jugendämtern, die das soziale „ Dienstleistungsprodukt WPF“ einkaufen, durch Effektivität und Effizienz eine hohe Kundenzufriedenheit erreichen. Über diesen Weg spricht es sich vielleicht herum, dass das Angebot empfehlenswert ist, und dann wird es vielleicht in den nächsten Jahren noch mehr genutzt.

      Darüber hinaus gilt es, das WPF-Konzept in der Öffentlichkeit weiter bekannt zu machen. Es ist unser Ziel, möglichst viele potentielle Pflegeeltern zu gewinnen, die sich bereit erklären, ein Pflegekind mit besonderen Bedürfnissen aufzunehmen. Der Kreis der WPFs würde sich ganz bestimmt erweitern, wenn es mehr aufnahmebereite Familien, Paare oder Einzelpersonen geben würde, die sagen: „Ja, ich/wir sind bereit, ein in seiner Bindungs- und Beziehungsfähigkeit gestörtes, vernachlässigtes, traumatisiertes oder auch ein krankes oder behindertes Pflegekind zu begleiten, aber wir möchten dann auch einen dem Bedarf angemessenen Betreuungsrahmen haben. Unter dieser Voraussetzung trauen wir uns eine solche Aufgabe zu - sonst nicht.“

      Selbstbewusste, informierte Pflegeeltern auf der einen und engagierte WPF-Berater und Beraterinnen auf der anderen Seite führen zu weiterem Wachstum des Systems, ganz bestimmt, denn bedürftige Kinder, die eine Familie suchen, gibt es genug.

      M. Rohde: Sehen Sie die Möglichkeit bestehende „normale“ Pflegeverhältnisse in das WPF-System zu überführen? Wäre es u.U. möglich den Pflegeeltern, die derzeit ein Kind betreuen, das einen WPF-Bedarf hat, Fort- und Weiterbildungen anzubieten, um den Ansprüchen Ihrer Leistungsbeschreibung (siehe „Links“ ) zu entsprechen?

      R. Hasse: Im Einzelfall geht dies schon. Angeregt werden könnte es durch die betroffenen Pflegeeltern, aber letztlich ist es einzig und alleine Entscheidung des Jugendamtes. Wenn ein betreuendes Jugendamt z.B. sagen würde: „Es war am Anfang nicht abzusehen, dass dieses oder jenes Pflegekind derart belastet ist durch seine Vorgeschichte. Wir sehen, dass die Pflegeeltern einer fachlich qualifizierteren und engmaschigeren Beratung bedürfen und wir möchten, dass dem Kind seine Familie erhalten bleibt und es nicht zu einem Abbruch kommt“, dann könnte man durchaus über Umwandlung des normalen Pflegeverhältnisses in WPF nachdenken. Von unserer Seite aus würde es sicherlich dann auch eine fachliche Einschätzung geben. Es muss ja gemeinsam herausgefunden werden, ob das neue Beratungsangebot tatsächlich die richtige Hilfe ist. Wenn zum Beispiel die Passung von Anfang an nicht stimmte und Pflegeeltern und Kind einander gar nicht mögen, dann ist der Wechsel des Beratungssettings auch keine Lösung.

      Das WPF-System nimmt für sich als Besonderheit in Anspruch, nur besonders geeignete und ggf. mit professioneller Qualifikation versehene Pflegefamilien auszuwählen.

      Es verfügt tatsächlich ein sehr hoher Anteil der derzeit tätigen Pflegeeltern über eine professionelle Qualifikation im pädagogischen oder im Gesundheitsbereich, allerdings verfügt auch über rund 1/3 über keine einschlägige Ausbildung. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich betonen, eine berufliche Qualifikation ist wünschenswert, aber keine zwingende Voraussetzung. Wir wünschen uns für die Kinder offene, tolerante Menschen, die einfühlsam, geduldig sind und Belastungen aushalten können. Erfahrungen im Umgang mit Konflikten und schwierigen Lebenssituationen sowie Reflexionsfähigkeit und Lernbereitschaft sind viel wesentlichere Voraussetzungen. Ich weiß daher nicht genau, ob „Nachschulungen“ das Nonplusultra sind. Sich fort- und weiterzubilden ist immer gut, aber es muss auch von den persönlichen Voraussetzungen her stimmen. Wenn Sie mich fragen, kommt es darauf viel mehr an.

      M. Rohde: Frau Hasse, vielen Dank für diese Informationen. Nun möchte ich Ihnen noch einige Fragen zu Ihrer konkreten Tätigkeit stellen. Gibt es für Bewerber ein Vorbereitungsseminar?

      R. Hasse: Westfälische Pflegefamilien werden sowohl in Gruppen als auch in Einzelkontakten vorbereitet. Zielsetzung ist es, potentielle Pflegeeltern für ihre Aufgabe zu qualifizieren, d.h. sie zu informieren über die rechtlichen, sozialen und psychologischen Aspekte im Rahmen einer Inpflegenahme und ihnen durch die Darstellung der Vermittlungsrealitäten und -bedingungen Hilfestellung zu bieten, eine für sie realistische Einschätzung ihrer Grenzen und
      Möglichkeiten zu entwickeln. Themen der Seminare sind u.a.: Die Vermittlung des Kindes im Zusammenspiel verschiedener Personen und Institutionen, die Entwicklung der Eltern-Kind/Kind-Eltern-Beziehung aus entwicklungspsychologischer Sicht, die Bedeutung der Trennung für ein gut gebundenes Kind, Auswirkungen von Traumatisierungen, der Neuaufbau von Bindungen und Beziehungen des Kindes in Ersatzfamilien, Grundhaltungen zur Förderung des Integrationsprozesses, rechtliche und medizinische Hintergründe zu vermittelnder Kinder. Das Konzept zur Vorbereitung auf die Dauerpflege eines behinderten oder chronisch kranken Pflegekindes ist noch spezifischer auf diese Gruppe der WPF-Kinder ausgerichtet.

      M. Rohde: Leiten Sie die Vorbereitungen in Gruppen selbst oder werden dafür Referenten hinzugezogen?

      R. Hasse: Im Moment ist es so, dass wir die Vorbereitung selber leiten. Es steht zur Zeit auch noch im Großen und Ganzen jedem Träger frei, wie er die Inhalte vermittelt.

      Wir hier beim SkF in Paderborn arbeiten zu zweit im Bereich Westfälische Pflegefamilien, und zwei weitere Kolleginnen sind im Fachbereich Adoptions- und Pflegekinderdienst beschäftigt. Zu den Vorbereitungsseminaren laden wir alle Bewerber ein, unabhängig von ihren Voraussetzungen und Wünschen, so dass wir eigentlich über´s Jahr verteilt immer ein bis zwei Gruppen zusammen stellen können. Dadurch, dass wir mehrere BeraterInnen sind, ist es möglich, die Seminare in eigener Regie zu führen. Ich finde, dies hat auch einen großen Vorteil, denn wir lernen unsere Pflegeeltern auf diese Weise noch einmal in einem anderen Setting kennen, und die Teilnehmer profitieren von dem recht hohen Praxisbezug. Wenn ich so rückblicke, kann ich sagen, am meisten interessiert immer unsere Erfahrung, die Verläufe, die Berichte aus dem Beratungsalltag und aus der Kindertherapie. Ich weiß nicht, ob diese Verknüpfung genau so gegeben wäre, wenn die Aufgabe der Vorbereitung von externen Referenten übernommen würde.

      M. Rohde: Gibt es die Möglichkeit für Bewerber sich mit erfahrenen WPFn auszutauschen, vielleicht sogar im Rahmen der von Ihnen geleiteten Vorbereitung?

      R. Hasse: Ja selbstverständlich, die Einbindung im Rahmen der Seminarreihe ist sehr sinnvoll und für alle bereichernd. Der direkte Austausch zwischen Pflegeeltern und Eltern, die es vielleicht einmal werden möchten, hat noch einmal einen ganz anderen Stellenwert und ist sehr ermutigend, denn man bekommt aus Sicht der Betroffenen ganz direkt vermittelt, dass die Aufgabe zwar anspruchsvoll, aber letztlich doch zu schaffen ist. Und nicht nur dies, es wird ja auch davon berichtet wie schön es sein kann, ein Pflegekind begleiten zu dürfen. Dieses Glück können Sie als Fachkraft gar nicht so unmittelbar herüber bringen. Es wird auch deutlich, dass jede Familie ihren ganz eigenen Weg finden muss. Da die Schicksale der Kinder im höchsten Maße individuell sind, gibt es auch nur einzigartige Verläufe von Pflegeverhältnissen.

      Wir stellen zudem, wenn es gewünscht wird, während des Bewerberverfahrens einzelne Kontakte zu Familien her. Es gibt zum Beispiel einen Kreis von Eltern schwerstmehrfachbehinderter Kinder oder eine Gruppierung um FAS-betroffene Kinder herum, die gerne zu sich einladen, wenn sich jemand für die Aufnahme eines Kindes mit einer ähnlichen Problematik interessiert. Genau so verhält es sich bei erfahrenen WPF-Eltern, die milieugeschädigte Pflegekinder aufgenommen haben. Die Bereitschaft von sich zu berichten, ist im Allgemeinen groß und auch die Kinder (die vorher immer um Erlaubnis gefragt werden) finden das spannend.

      M. Rohde: Und wie verhält es sich mit Fortbildungen für die von Ihnen betreuten Familien, wenn diese ein Kind betreuen? Bieten Sie regelmäßig Fort- und Weiterbildungen an? Und wenn ja, in welchem Umfang und mit welchem Schwerpunkt?

      R. Hasse: Die WPF-Eltern treffen sich regelmäßig in den sechs bis acht Mal jährlich stattfindenden, regionalen Elternarbeitskreisen. Der AK bietet eine Möglichkeit der Begegnung und des fachlichen Austausches. In diesem Rahmen ist es dann wirklich so, dass wir hier vor Ort in Abständen zu bestimmten aktuellen Themen Referenten einladen (z.B. wenn es um Förderschulen, Traumatherapie, Biografiearbeit, Hilfsmittelversorgung, Versicherungsfragen etc. geht).

      Darüber hinaus haben die Pflegeeltern Gelegenheit, sich über die Fortbildungsveranstaltungen, die das LWL – Landesjugendamt Westfalen anbietet, weiter zu bilden. Es handelt sich hierbei um Ganztagesveranstaltungen mit Kinderbetreuung. Die Themenwünsche kommen aus den Reihen der Pflegeeltern und werden von hochkarätigen Experten sowohl theoretisch als auch mit Gelegenheit zum praktischen Erproben methodischer Vorgehensweisen vorgestellt. An dieser Stelle seien nur einige Beispiele genannt: „Kinder psychisch kranker Eltern“, „Sexualisierte Gewalt/sexueller Missbrauch von Pflegekindern“, „Entwicklungspsychologisches Basiswissen für Pflegeeltern“, „Mit Kindern lernen“, „Systemische Handlungskonzepte für die Kooperation mit Herkunftsfamilien“, „Pubertät“, „Lernbehinderung“, „Trauer und Verabschiedung“.

      M. Rohde: Das sind in der Tat hervorragende Angebote, die Sie Ihren Bewerbern und Pflegefamilien machen. Wie verhält es sich bei den WPF mit der Unfallversicherung und der so genannten Binnenhaftpflichtversicherung?

      R. Hasse: Der Haftpflichtschutz im Binnenverhältnis zwischen Pflegekind und Pflegeeltern ist mit dem zuständigen Jugendamt zu erörtern, bevor das Pflegeverhältnis beginnt. Der Vertragsabschluss fixiert letztlich die Rechte und Pflichten für die Zusammenarbeit. Es heißt in unserem WPF-Vertrag unter dem Punkt „Weitere Einzelbestimmungen“: „Ein Haftpflichtversicherungsschutz für Schäden im Haushalt der Pflegeeltern, die der Minderjährige/junge Volljährige verursacht, wird durch das Jugendamt sichergestellt“.

      Für die WPF ist die Erstattung der nachgewiesenen Aufwendungen für eine Unfallversicherung möglich.

      M. Rohde: Sind Sie als WPF-Beraterin nur für die Pflegefamilien oder auch für die Betreuung der Herkunftsfamilien zuständig? Wenn es beispielsweise begleitete Besuchskontakte gibt, sind Sie dann die Begleitung?

      R. Hasse: Sie sprechen da ein wichtiges Thema an. Mit Herkunftsfamilien wird nach Trennung von einem Kind in der Regel nicht sehr intensiv gearbeitet, dies ist Realität. Es müsste aber dringend anders sein. Innerhalb des Dienstleistungsangebotes WPF ist es im Einzelfall durchaus möglich, dass wir auch die Herkunftsfamilien während des Abgabeprozesses beraten und begleiten. Der Umfang, die Zielsetzung und auch die Auswirkung auf den Beratungsschlüssel würde dann aber im Hilfeplanverfahren genau definiert und letztlich auch vergütet. Die Zusammenarbeit mit den ursprünglichen Familien in Bezug auf „Besuchskontakte“ ist eigentlich selbstverständlicher Bestandteil unserer Arbeit. Da geht es auch mehr um das Kind. Um zu erreichen, dass es die Kontakte gut verkraftet, müssen diese gut vorbereitet werden. Dazu gehört zum Beispiel, dass man sich mit den leiblichen Eltern beschäftigt und ihnen nahe bringt, wie wichtig es z.B. ist, dass sie die Gründe, die zur Unterbringung geführt haben, nicht leugnen und dass sie dem Kind vermitteln, dass es an nichts schuld ist, auch, dass es die Folge der Ereignisse in der Vergangenheit ist, dass das Kind besser bei anderen Menschen aufwächst. Leibliche Eltern müssen ihrem Sohn/ihrer Tochter unbedingt die Erlaubnis geben, sich auf eine Pflegefamilie einlassen zu dürfen. Manchmal ist es auch notwendig, ihnen zu erklären, dass direkte Kontakte momentan nicht stattfinden können. Oder es gibt die Situation, dass man es probiert und ganz genau beobachten muss, wie der Kontakt abläuft und wie das Kind reagiert. Auch in solchen Fällen ist eine intensive Begleitung unerlässlich. Diese Aufgabe kann niemand anders als der/die BeraterIn selber übernehmen.

      M. Rohde: Werden die Kinder, die im WPF-System betreut werden, in den Prozess eingebunden, z.B. bei der Hilfeplanung?

      R. Hasse: Im WPF-System werden entsprechend den Ausführungen der Leistungsbeschreibung regelmäßige Kontakte zum Kind/Jugendlichen gepflegt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich ein verlässliches Beziehungsangebot im Pflegekinderdienst bei den in der Regel bindungsgestörten Kindern und Jugendlichen sehr positiv auf ihre Entwicklung und die Vertrauensbildung auswirkt. Die Kinder und Jugendlichen spüren so, dass die Beraterin bzw. der Berater an ihnen Interesse hat und dass sie/er Zugang bekommen möchte zu ihrer inneren Welt. Darüber hinaus lernen sie, dass ihre Erfahrungen und Erlebnisse thematisiert werden dürfen und dass ihre Meinungen im Hilfeplanverfahren Berücksichtigung finden. Es hat sich erwiesen, dass die gesamte Beratungsarbeit (insbesondere die Bewältigung von Krisen) durch den persönlichen Bezug erheblich erleichtert wird.

      Die direkte Beteiligung/Partizipation der Kinder und Jugendlichen an den Hilfeplangesprächen ist ja eine fachliche Leitnorm in der Jugendhilfe und gem. § 36 Abs. 1 SGB VIII verpflichtend. Sie ist natürlich ein sehr individueller und auf die unterschiedlichen Bedürfnislagen abzustimmender Prozess. Ein Jugendlicher kann schon ganz anders am Aushandlungsgeschehen teilnehmen und sein „Rederecht“ in Anspruch nehmen, als ein 4-6 jähriges Kind, welches projektive Verfahren (wie z.B. bildnerisches Gestalten, Arbeit mit Puppen und Figuren oder dem Sceno-Kasten) benötigt, um in einen nonverbalen Dialog zu kommen.

      M. Rohde: Haben die für Sie tätigen WPFn die Möglichkeit, sich bei anderen Pflegekinderdiensten, z.B., dem Jugendamt oder einen anderen WPF-Träger, um ein (weiteres) Pflegekind zu bewerben? Oder legen Sie Wert darauf, dass Ihre WPFn ausschließlich Ihnen zur Verfügung stehen?

      R. Hasse: Es gibt verschiedene Konstellationen. Da gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, dass eine Familie, die bereits ein Kind im Rahmen des allgemeinen Pflegekinderdienstes aufgenommen hat, durch die Aufnahme eines Kindes gem. § 33 Satz 2 SGB VIII WPF werden möchte. Viele Jugendämter tolerieren und befürworten dies, denn sie wissen, dass von der intensiven WPF-Beratung das ganze Familiensystem profitieren wird und das Normalpflegekind letztlich dann auch etwas davon hat. Natürlich wird vorher geprüft, ob eine zweite Aufnahme überhaupt zu verantworten ist und auch, ob es ein schwerer entwicklungsbeeinträchtigtes Kind sein darf. Da muss sicherlich genau hingeschaut werden, und in vielen Fällen sind Bedenken ja auch berechtigt. Ohne Zustimmung des bereits in einer Pflegefamilie arbeitenden Beraters/der Beraterin würde ein WPF-Träger sicherlich keine Vermittlung planen. Es ist nicht unser Interesse, bereits begonnene Integrationsverläufe zu stören. Es gibt aber auch Ämter, die es generell nicht wünschen. Sie lehnen es kategorisch ab und möchten schlichtweg nicht, dass „ihre“ Normalpflegestellen WPF-Aufgaben übernehmen. Dies hat dann andere Gründe.

      In unserem Bereich ist es so, dass Westfälische Pflegefamilien in der Regel bis zu zwei Kinder bzw. Jugendliche und (im Ausnahmefall) junge Erwachsene aufnehmen, denen Hilfe zur Erziehung bzw. Hilfe für junge Volljährige auf der Grundlage eines Hilfeplanes (§36 SGB VIII) durch das Jugendamt gewährt wird.

      Wenn bereits ein WPF-Kind in einer Familie lebt, hat die Familie grundsätzlich schon die Möglichkeit, sich auch an andere Vermittlungsstellen zu wenden und sich um die Aufnahme eines Kindes aus dem allgemeinen Pflegekinderdienst zu bewerben (die Kombination mit einer Maßnahme nach § 34 geht nicht). Die Aufnahme eines weiteren Pflegekindes darf jedoch nur mit Zustimmung aller Vertragspartner erfolgen, d.h. wenn irgendeine Seite ein Veto einlegt, kann das neue Pflegeverhältnis nicht zustande kommen.

      Die Aufnahme eines weiteren Pflegekindes über einen anderen WPF Träger sollte i.d.R. nicht erfolgen, denn dann würde die Familie von zwei verschiedenen WPF-BeraterInnen betreut und dies ist nicht sinnvoll.

      M. Rohde: Können Sie etwas zu Ihren Erfahrungen mit Rückführungen sagen, z.B.
      über die Anzahl der Rückführungen oder ob Sie noch Kontakt zu rückgeführten Pflegekindern haben?

      R. Hasse: WPF ist vom Konzept her eigentlich grundsätzlich langfristig, d.h. mindestens bis zur Volljährigkeit angelegt, und ich selber bin im Laufe der Zeit meiner Berufstätigkeit kein einziges Mal mit dem Gedanken „Rückführung“ konfrontiert worden. Vom Grundgedanken her wollen wir ja etwas anderes. Wir möchten, dass unter all den Kindern und Jugendlichen, deren Entwicklung und Sozialisation durch die Ursprungsfamilie anhaltend nicht gesichert werden kann und die deshalb „fremdplatziert“ werden müssen, auch diejenigen mit besonderen Entwicklungsbeeinträchtigungen und/oder Behinderungen die Möglichkeit haben, in einem familiären Rahmen betreut und begleitet zu werden. Wenn wir eine Vermittlungsanfrage bekommen, ist das Kind bereits durch seinen bisherigen Lebensweg hochgradig belastet, und alle Beteiligten haben ein großes Interesse daran, den Schaden, der ja schon eingetreten ist, möglichst zu begrenzen. Es ist geklärt worden, dass das Kind auf Grund seiner Persönlichkeitsstruktur, seiner Lebensperspektive und seiner Beziehungserlebnisse einen überschaubaren, auf engere persönliche Bindung bezogenen Rahmen benötigt, und man hofft nun Familien zu finden, die bereit sind, Kinder mit solch einem hohen Bedarf an intensiver pädagogischer Begleitung aufzunehmen. Alles ist also auf Bindung, Integration, Abbau von Erziehungsdefiziten, Aufarbeitung von Traumatisierungen ausgerichtet. Jeder, der etwas von solch tiefgreifenden, auf Heilung ausgerichteten therapeutischen Prozessen versteht, weiß, dass ein Kind/Jugendlicher hierfür immer eine ganz klare Perspektive und ganz viel Schutz und Sicherheit benötigt. Und selbst dann, unter günstigsten Bedingungen, ist der Weg immer noch schwer genug.

      Wie immer gibt es auch Ausnahmefälle. Es mag sein, dass WPF im Einzelfall auch eine zeitlich befristete Lebensform sein kann.

      M. Rohde: Vielen Dank Frau Hasse, für diese umfangreichen Informationen. Insgesamt scheint mir das Konzept WPF eines zu sein, dass man bundesweit installieren sollte, um gerade die schwerstgeschädigten Kinder in fürsorgliche und professionelle Hände geben zu können. Glauben Sie, dass wir in naher Zukunft mit einem Ausbau des WPF-Systems rechnen können?

      R. Hasse: Ein Ausbau der WPF Träger ist nicht geplant, vielmehr geht es derzeit um Konsolidierung, um die fachlich und qualitativ hochwertige Arbeit weiterhin sicherzustellen und die Standards mit Unterstützung des Qualitätsentwicklungsprojektes weiterzuentwickeln.

      M. Rohde: Vielen Dank für dieses Interview.


      Externe Links:
      SkF Paderborn
      Evaluation
      Leistungsbeschreibung

      Interne Links:
      Grundinfo WPF
      Redaktion von Pflegeelternnetz.de

      Kontakt: redaktion@pflegeelternnetz.de
      Kommentar von Galbinus, 21.01.2008

      Es wäre schön, wenn

      Es wäre schön, wenn allen Pflegefamilien eine solch qualifizierte Betreuung zuteil würde.

      Kommentar von Waldhexe, 22.01.2008

      WPF - Interview interessant und informativ

      Interessantes Thema, umfassende Infos, für mich persönlich von großem Nutzen. :-] Danke! :-D
      Redaktion von Pflegeelternnetz.de

      Kontakt: redaktion@pflegeelternnetz.de

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Redaktion“ ()

    Ungelesne Beiträge