Interview mit Daniela Reimer zur Siegener Erklärung

      Interview mit Daniela Reimer zur Siegener Erklärung

      Zitat Uni Siegen:
      Die professionelle Soziale Arbeit kann die Biografie von Pflegekindern stark beeinflussen.


      Interview mit Dipl. Päd. Daniela Reimer zur Siegener Erklärung

      September/Oktober 2008

      Daniela Reimer, geboren 1981, ist seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Klaus Wolf an der Universität Siegen im Forschungsschwerpunkt Pflegekinder. Nach dem Studium der Sozialarbeit an der Universität Siegen von 2000-2004 sammelte sie praktischen Erfahrungen als Schulsozialarbeiterin und Sozialarbeiterin in der Justiz und kehrte dann als Teilzeitstudentin im Fach Pädagogik (Abschluss 2007) und wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Universität zurück. Sie hält Lehrveranstaltungen zum Pflegekinderwesen und zu Forschungsmethoden an der Universität Siegen ab. Sie forschte bereits zu Kindern und Familien mit HIV/ Aids in Kamerun und forscht derzeit zu Pflegekindern in Deutschland. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Aufwachsen unter schwierigen Bedingungen und erziehungswissenschaftliche Biografieforschung.
      Ihre wichtigste Studie hat den Titel: „Aufwachsen in Pflegefamilien - aus der Perspektive der Pflegekinder betrachtet“, bei der ausführliche biografische Interviews mit ehemaligen Pflegekindern, heute jungen erwachsenen Menschen, geführt und analysiert werden. Ihre wichtigste Veröffentlichung findet sich in der ZPE-Schriftenreihe Nr. 19 und trägt den Titel: Pflegekinder in verschiedenen Familienkulturen. Belastungen und Entwicklungschancen im Übergang.



      M. Rohde: Frau Reimer, welche konkreten Ziele verbergen sich hinter der Siegener Erklärung?

      D. Reimer: Mit der Siegener Erklärung möchten wir in Fachkreisen eine Diskussion über die Bedeutung von Kontinuität für die Pflegekinder anregen, darüber wie die Soziale Arbeit zur Kontinuitätssicherung beitragen kann und natürlich sind die Ziele dieser Diskussion, dass die Inhalte der Erklärung in Fachkreisen eine größere Beachtung finden, dass den formulierten Qualitätsstandards die vermeintliche Beliebigkeit genommen wird und die Sicherung der Kontinuität für Pflegekinder eine deutlichere handlungsleitende Orientierungslinie wird. Für diejenigen, die es ganz konkret möchten: das Ziel der Erklärung ist, dass Pflegekinder in Zukunft mehr Kontinuität erleben können.

      M. Rohde: Was ist mit Kontinuität und Kontinuitätssicherung in diesem Zusammenhang gemeint?

      D. Reimer: Aus unserer eigenen Studie zum Aufwachsen von Pflegekindern und auch aus anderen Untersuchungen und Gesprächen mit Pflegekinderdienstmitarbeitern und Pflegeeltern wissen wir, dass Pflegekinder häufig extrem viele verschiedene Lebensorte in ihrer Lebensgeschichte aufweisen. Da werden Kinder aus ihren Familien herausgenommen, kommen in Übergangspflegefamilien, dann in Dauerpflegeverhältnisse, die im ungünstigen Fall aber nach einiger Zeit scheitern, dann gibt es Rückführungen zur Herkunftsfamilie, die Kinder können aber eventuell nicht dauerhaft dort bleiben, oder die Kinder kommen in Heimgruppen und wieder zu neuen Pflegefamilien und so weiter und so weiter. Nach allem aber, was wir über die Bedingungen für ein gutes Aufwachsen von Kindern wissen, ist ein kontinuierlicher Lebensort von zentraler Bedeutung. Wiederholte Ortswechsel und Beziehungsabbrüche dagegen – wie wir sie bei Pflegekindern häufig finden – können die Entwicklungsbedingungen der Kinder erheblich verschlechtern. Diskontinuität und - in der Folge - ein fraktionierter Lebenslauf, erschweren die Entwicklung von elementaren Fähigkeiten, belasten die Entwicklung eines positiven Selbstbildes, konfrontieren die Kinder mit Entwicklungsaufgaben und Problemen, die ihre Potenziale binden, und produzieren weitere Ohnmachtserfahrungen.

      Die professionelle Soziale Arbeit hat häufig einen erheblichen Einfluss auf die Biografien von Pflegekindern – und deshalb auch eine große Verantwortung.

      M. Rohde: Professor Bruno Hildenbrand soll einmal im Zusammenhang mit der zunehmenden Professionalisierung von Pflegefamilien sinngemäß gesagt haben, man könne aus einem Esel kein Rennkamel machen, und das sei keine Beleidigung der Pflegefamilie. Wie begreifen Sie diese Metapher und können Sie sich der Aussage anschließen?

      D. Reimer: Solche Metaphern schaffen oft mehr Irritationen und Missverständnisse als dass sie zur Klärung beitragen. Möglicherweise soll mit diesem Bild auf etwas aufmerksam gemacht werden, was auch wir immer wieder beobachten: und zwar, dass an Pflegefamilien sehr hohe Anforderungen und Erwartungen gestellt werden, die eigentlich keine Familie erfüllen kann. Wenn ich manchmal mit Pflegekinderdienstmitarbeitern spreche, und höre, welche Kriterien eine optimale Pflegefamilie aufweisen sollte, dann wird mir schwindelig. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir es mit gewöhnlichen Menschen zu tun haben, die als Individuen ihre Stärken und Schwächen haben und ihre ganz persönlichen Lebensgeschichten mitbringen. Die Rückschlüsse, die man aus dieser Beobachtung ziehen kann, können aber sehr verschieden aussehen. Aus meiner Sicht müssen die Mitarbeiter in den Diensten sensibel werden für die einzelnen Pflegefamilien und ihre Lebenssituationen und in jedem Einzelfall überlegen, in welchen Bereichen genau diese Familie Unterstützung und Entlastung braucht – und gemeinsam mit allen Beteiligten entsprechende Maßnahmen besprechen und einleiten. Das geht natürlich nur, wenn auch auf Seiten der Mitarbeiter zeitliche Ressourcen vorhanden sind um Beziehung aufzubauen und zu pflegen. Aber nur so können wir den Pflegeeltern, die als ehrenamtliche in unserer Gesellschaft beachtliches leisten gerecht werden – und damit auch den Kindern, die in diesen Familien untergebracht werden.

      M. Rohde: Eberhard und Malter haben in einer Längsschnittstudie des Berliner Therapeutischen Programms für Pflegekinder empirisch gezeigt, dass sich Pflegekinder in Teilbereichen der Persönlichkeit zwar nur langsam, aber insgesamt doch gut entwickeln, Bindungsschwächen jedoch lange bis ins Erwachsenenalter erhalten und darüber hinaus die Pflegeeltern undogmatische und ausreichend kompetente, begleitende Betreuung brauchen. Kennen Sie diese Ergebnisse und was halten Sie davon?

      D. Reimer: Die Ergebnisse kenne ich nicht im Detail, nur vom Hörensagen. Dass Pflegeltern undogmatische und ausreichend kompetente begleitende Betreuung brauchen, dem stimme ich voll zu. Generell bin ich kritisch, wenn über DIE Pflegekinder und ihre Bindungsschwächen, Lernschwächen oder ähnliches geredet wird, so als ob wir es bei DEN Pflegekindern mit einer einheitlichen Gruppe zu tun hätten. Im Vergleich unserer Interviews wird ganz deutlich, dass es sich bei Pflegekindern um Kinder mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und ergo unterschiedlichen Stärken und Schwächen handelt. Was wir brauchen sind keine allgemeingültigen Regeln und Rezepte, sondern vielmehr eine Betrachtung des einzelnen Kindes. Wir müssen lernen, das einzelne Kind mit seinen Erfahrungen, seiner Persönlichkeit und den Strategien, die es aus den Erfahrungen heraus für seine Lebensbewältigung in manchmal unübersichtlichen Feldern entwickelt hat, zu sehen und wertzuschätzen und dann für genau dieses Kind ein angemessenes Unterstützungssetting zu entwickeln.

      M. Rohde: In der Liste der Erstunterzeichner sind eine Reihe von Mitarbeitern öffentlicher Einrichtungen aus Siegen aufgeführt. Gibt es mittlerweile auch Zustimmung von Pflegekinderdiensten aus anderen Städten und Bundesländern?

      D. Reimer: Selbstverständlich! Bereits in der Liste der Erstunterzeichner – die bei einem Fachtag an der Universität Siegen entstanden ist - finden Sie Namen von Menschen aus verschiedenen Städten in Nordrheinwestfalen, aber auch aus Hessen und Baden Württemberg und sogar aus Belgien. Die Online Unterzeichner, unter denen sowohl Pflegeeltern als auch Mitarbeiter von Diensten und andere Interessierte sind, sind noch viel breiter gestreut und verteilen sich auf die ganze Bundesrepublik und die angrenzenden deutschsprachigen Länder. Uns zeigt das, dass viele Menschen regional unabhängig, das Anliegen, mehr Kontinuität für Pflegekinder sicherzustellen, mit uns teilen.

      M. Rohde: Auf der Tagesordnung des Fachtages am 21. August in Siegen wurde auch ein Workshop mit Juristen ausgewiesen. Welche Ergebnisse hat dieser Workshop erzielt?

      D. Reimer: In intensiven Diskussionen wurde ganz deutlich, dass Kontinuität beiden Berufsgruppen ein Anliegen ist. Aus Sicht der Richter sollte sich die Berufsgruppe der Sozialpädagogen selbstbewusst präsentieren und auch - je nach Sachlage - eine Berufung nicht fürchten. Auch gemeinsame Fortbildungen für Juristen und Sozialpädagogen aus den Jugendämtern und Pflegekinderdiensten wurden thematisiert: Beide Gruppe betrachten solche Veranstaltungen als wünschenswert, aber in der Umsetzung gestalten sie sich eher schwierig, da vor allem Richter diese Interdisziplinarität als potenzielle Gefährdung ihrer Unabhängigkeit ansehen. Nichtsdestotrotz: Wir brauchen mehr Kommunikation zwischen Juristen und Sozialpädagogen und der Workshop war für viele Teilnehmer ein erster Schritt in diese Richtung.

      M. Rohde: Im europäischen Ausland, beispielsweise in England, hat der Gesetzgeber Rahmenbedingungen geschaffen, die Sorge dafür tragen, dass eine Rückführung eines Pflegekindes nach dem Ablauf einer bestimmten Frist quasi ausgeschlossen ist. Unabhängig also von der Entwicklung der Erziehungsfähigkeit der Herkunftseltern wird hier nach einer festgelegten Zeit das Elternrecht dem Kindeswohl nachgeordnet. Ist das eine Möglichkeit für das deutsche Pflegekinderwesen?

      D. Reimer: Gesetzliche Regelungen stehen immer in einem spezifischen kulturellen und historischen Zusammenhang. Aufgrund unserer Geschichte nimmt im deutschen Familienrecht das Elternrecht eine starke Stellung ein. Das bedeutet aber nicht, dass das Kindeswohl dem Elternrecht nachgeordnet ist. Das Bundesverfassungsgericht und auch der Europäische Gerichtshof haben in den letzten Jahren in mehreren wichtigen Entscheidungen einen klaren Standpunkt zum Vorrang des Kindeswohls bezogen. Prof. Salgo, Jurist an der Universität Frankfurt, hat an unserem Fachtag in Siegen darauf hingewiesen, dass in der hiesigen Praxis die rechtlichen Möglichkeiten der Kontinuitätssicherung und auch der Adoption durch Pflegeeltern nicht ausgeschöpft werden. Laut Kinder- und Jugendhilfegesetz müssen vor und während dauerhafter Fremdunterbringung die Möglichkeiten der Adoption geprüft werden. Wenn dies in der Praxis tatsächlich umgesetzt würde, wären wir in Sachen Kontinuitätssicherung schon bedeutend weiter.

      M. Rohde: Abschließend noch eine letzte Frage, Frau Reimer, mit der Bitte um Ihre Einschätzung. Kann eine Kontinuitätssicherung, wie Sie sie in der Siegener Erklärung aufzeigen kritisch verlaufende Pflegeverhältnis positiv beeinflussen?

      D. Reimer: Davon bin ich überzeugt. Kritisch verlaufende Pflegeverhältnisse resultieren häufig daraus, dass die Perspektiven offen bleiben, dass das Kind und die Pflegeeltern sich über den Verbleib in der Pflegefamilie nicht sicher sein können, dass Kinder an Entscheidungen, die ihr Leben fundamental betreffen nicht beteiligt werden und keine Pläne und Aktivitäten dafür entwickelt werden, die Nachteile und zusätzlichen Belastungen, die aus den von Erwachsenen getroffenen Entscheidungen resultieren, zu minimieren. Auch werden Unterstützungen oft erst dann zur Verfügung gestellt, wenn die Situation bereits eskaliert. Alle diese Kriterien werden in der Siegener Erklärung angesprochen. Wenn die im Detail aufgezeigten Qualitätsmerkmale verwirklicht werden und die angeprangerten Fehlentwicklungen vermieden oder abgemildert werden, wird dies ein beachtlicher Schritt sein, um die gute Entwicklung von Pflegekindern zu fördern und Pflegeeltern wirksam zu unterstützen – auch in kritisch verlaufenden Pflegeverhältnissen.

      M. Rohde:
      Vielen Dank für dieses Interview.


      Externe Links:
      Siegener Erklärung
      Erstunterzeichner
      Unterzeichner

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      Diskussion bei Pflegeelternnetz.de
      Siegener Erklärung als Download (PDF)
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