Adoptions-Fall um FASD-Kinder - Wer kennt die Wahrheit?

      Adoptions-Fall um FASD-Kinder - Wer kennt die Wahrheit?

      Bad Homburg. Nein, in der Haut von Dr. Ulrich Stump möchte man dieser Tage nicht stecken. Der Vorsitzende Richter am Oberlandesgericht Frankfurt muss darüber befinden, ob die Stadt Frankfurt einer Familie aus dem Taunus zu Schadensersatz verpflichtet ist. Dabei geht es um die Frage, ob das Frankfurter Jugendamt gewusst hat, dass die leibliche Mutter zweier später zur Adoption freigegebener Kinder während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat – und so hirnorganische Schäden sowie Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens und des Wachstums ihrer Kinder provoziert hat. Fetales Alkoholsyndrom (FASD) heißt die Behinderung. Festgestellt wurde sie erst lange, nachdem die Kinder von besagtem Paar aus dem Hochtaunuskreis adoptiert worden waren.

      taunus-zeitung.de/lokales/hoch…ie-Wahrheit;art690,833258
      Wenn über eine dumme Sache mal endlich Gras gewachsen ist,

      kommt sicher ein Schaf gelaufen, das alles wieder runterfrisst.


      Ich kenne den konkreten "Fall" nicht, habe aber eine grundsätzliche Meinung zum Thema Adoption/Pflege und Behinderungen:

      - Adoptions- und Pflegebewerber sollten sich darüber im Klaren sein, dass Kinder Krankheiten, Behinderungen und /oder Entwicklungsauffälligkeiten haben oder entwickeln können.

      - Krankheiten, Behinderungen, Entwicklungsauffälligkeiten dafür sind manchmal, aber nicht immer zum Vermittlungszeitpunkt bereits bekannt. Manchmal sind Risikofaktoren bekannt, ohne dass bereits eine Schädigung feststellbar ist. Manchmal entstehen oder zeigen sich Erkrankkungen, Behinderungen oder Entwicklungsauffälligkeiten erst Monate oder Jahre nach der Geburt/Vermittlung.

      - Bei Adoptiv- und Pflegekindern ist mit einer höheren Wahrscheinlichkeit mit Entwicklungsrisiken/Behinderungen zu rechnen als bei Kindern, die in ihren leiblichen Familien aufwachsen.

      - Jugendämter/Vermittlungsstellen sollten mit Bewerbern während des Bewerbungsverfahrens über das Thema sprechen, über bei Adoptiv- und Pflegekindern besonders häufig auftretende Behinderungen/Entwicklungsbesonderheiten zu informieren und überprüfen, inwieweit die einzelnen Bewerber für die Aufnahme eines Kindes, bei dem eine Krankheit/Behinderung oder Risikofaktoren für Behinderungen/Entwicklungsstörungen bekannt sind.

      - Adoptiv- und Pflegebewerber/-eltern haben aber auch eine Pflicht, sich selbst über das Thema zu informieren und damit auseinandersetzen, inwieweit sie sich vorstellen können, für ein Kind mit besonderen Bedürfnissen da zu sein.

      - Einen Anspruch oder eine Garantie für ein gesundes Kind mit unproblematischem Entwicklungsverlauf gibt es nicht - weder für leibliche noch für Adoptiv- oder Pflegekinder, bei letzteren ist die Wahrscheinlichkeit für Gesundheits- und/oder Entwicklungsprobleme aber erhöht.

      - Das Jugendamt/die vermittelnden Personen haben bei einem zu vermittelnden Kind festzustellen, ob Erkrankungen, Behinderungen, Entwicklungsauffälligkeiten oder Risikofaktoren bekannt sind und die aufnehmenden Eltern umfassend darüber zu informieren einschließlich, was an Diagnostik bereits stattgefunden hat,was an anamnestischen Angaben bekannt ist und was an Informationen oder Untersuchungsergebnissen noch aussteht oder nicht bekannt/vorhanden ist.

      - Die aufnehmenden Eltern sollten einfordern, alles, was an Informationen über das Kind, seine Geschichte und seine gesundheitliche Situation zu ermitteln ist, während des Vermittlungs- bzw. Entscheidungsprozesses zu bekommen. Sie sollten sich aber auch bewusst sein, dass das Jugendamt bzw. die vermittelnden Personen weder allwissend sind noch hellseherische Fähigkeiten haben.

      Wir haben vor einigen Jahren ein Pflegebewerberseminar gemacht, in dem FAS ein ausführlich behandelter Seminarinhalt war und wir darüber informiert wurden, dass FAS bei vielen Pflegekindern vorliegt und wir als Bewerber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit damit rechnen müssen, dass bei einem vermittelten Kind ein FAS vorliegen könnte.
      Es wundert mich immer wieder, dass es offensichtlich Adoptiv- und Pflegeeltern gibt, die von FAS noch nie gehört haben und davon ausgehen, wenn sie aufden Fragebögen angeben, "Behinderungen auszuschließen", ein garantiert gesundes Kind vermittelt zu bekommen.

      Wenn das Jugendamt zum Vermittlungszeitpunkt bewusst falsche Angaben macht oder bekannte Informationen verschweigt, ist es meiner Meinung nach selbstverständlich zur Verantwortung zu ziehen.

      Viele Grüße

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Ylber“ ()

      Ylber schrieb:

      Wenn das Jugendamt zum Vermittlungszeitpunkt bewusst falsche Angaben macht oder bekannte Informationen verschweigt, ist es meiner Meinung nach selbstverständlich zur Verantwortung zu ziehen.

      Genauso ist es. Als wir vor nun bald 24 Jahren unsere Tochter adoptierten, haben wir viel gefragt und um Hintergrundwissen, Krankheiten in der Familie u.s.w. gebeten. Es hies nur immer:" Die LE sind kognitiv etwas eingeschränkt und möchten das jüngste Kind nicht mehr behalten" Das wars. Gut unser Kind wird kein Professor, das war uns klar und auch total egal haubtsache sie wird glücklich. Aber all das was über die Jahre zum Vorschein kam(FASD mit autistischen Zügen, hätte uns das JA sagen können. Die Familie war vorbelastet es gab bereits einen großen bruder mit genau den selben Einschränkungen , bereits eine Schwester die zur Ado freigeben wurde und auch nicht gesund ist. Beide Elternteile sind bekanntermaßen Alkoholkrank. Das alles haben wir nach über 16 jahren erst erfahren und das JA wusste definitiv davon.
      Ich finde das höchstgradig unfär den Ado-Eltern gegenüber, aber auch dem Kind gegenüber, denn wir sind 10 Jahre von einem Arzt zum anderem gerannt bis wir Klarheit und Hilfe hatten. Die Diagnose FASD kannte ich gar nicht. das Ado-und Pflegekinder oftmals geschädigt sind, klar das weis mann, aber wenn man ein 3 tage alten Säugling zu sich holt und vom JA dermaßen belogen wird- tja dann sitzt man auch 24 Jahre später noch da und muss mit allem allein zurecht kommen und dann kommen noch Sprüche wie:" Tja wenn es ein Pflegekind wäre, dann könnten wir ja die oder die Therapie zahlen.... u.s.w." Einfach nur unfair, unfär fürs Kind die ja nicht so behindert ist das sie nicht mitbekommt wie es um sie steht, unfair für uns als Eltern und auch unfair für die Geschwister die sich ein ganzes Leben um ihre behinderte Schwester kümmern müssen bei einer Behinderung die noch dazu vermeidbar gewesen wäre und wo, wenn man von anfang an ehrlich gewesen wäre auch gleich andere Therapieansätze zum tragen gekommen wären und nicht erst nach 10 Jahren.
      Loni.

      Ein Tag ohne Lächeln, ist ein verschenkter Tag !
      (Charlie Chaplin)
      Ich sitze hier und hab zwischendrinnen echt mit den Tränen gekämpft- vor allem um das verkorkste Leben meiner FASD Kinder zu Hause, und auch vor Wut über besonders die Vorghensweise bei der Adoption unserer Tochter..................................................
      Loni.

      Ein Tag ohne Lächeln, ist ein verschenkter Tag !
      (Charlie Chaplin)
      Einen lieben Gruß als Pflegevater und zugleich ehrenamtlich Aktiver zu allem was mit FASD zu tun hat. Der Fall weist auf ein grundsätzliches Problem bei der Pflegschaft/Adoption hin. Zwar haben Jugendämter ein teils umfangreiches Wissen über die zu vermittelnden Kinder jedoch fallen Einsichtmöglichkeiten in die Akte des Pflegekindes unter das Datenschutzgesetz. Dadurch erhalten betroffene Eltern nur die Informationen welche das Jugendamt für erachtenswert hält. Vor dem Hintergrund diese Kinder möglichst zu vermitteln werden meist eher unspezifische Begriffe der Diagnostik verwendet (Entwicklungsverzögerung). Rein rechtlich haben Pflegeeltern kein Antragsrecht es sei denn sie haben zugleich die amtliche Pflegschaft. Daher sollte mit einer Pflegschaft auch immer dieser Antrag beim Familiengericht gestellt werden. Die Akte des zu vermittelnden Kindes kann nur eingesehen werden wenn es hierzu ein laufendes Verfahren unter Beteiligung eines Anwaltes gibt, leider. Auch das Wissen um die Besonderheiten von zu vermittelnden Kindern ("das ist doch bei Pflege- und Adoptivkindern immer so") ist kein Grund davon auszugehen, dass Eltern stets von einer Beeinträchtigung oder Behinderung ihres vermittelnden Kindes auszugehen haben. Sofern das Jugendamt erklärt nichts vom Alkoholkonsum gemerkt zu haben und dies auch nie dokumentiert wurde, ist davon auszugehen, dass die sozialarbeiterische Tätigkeit nur ungenügend ausgeübt wurde und wird, insbesondere da es sich hier nicht um das erstgeborene Kind handelt. Nichtwissen schützt vor Strafe nicht! Leider ist FASD in seinen verschiedenen Ausprägungen bei Kindern und Jugendlichen unterdiagnostiziert, verwiesen sei auf den Zusammenhang von FASD und ADHS, wobei zweites häufig diagnostiziert wird und dabei ADHS bei ca. 80% aller Ki u. Ju mit FASD auftritt. Es ist die am häufigsten vorkommende komorbide Störung bei FASD!!! Hier setze ich mal einen Punkt. Ich habe gerade meine Masterarbeit zu diesem Thema geschrieben. Ich drücke der betroffenen Familie die Daumen auch wenn ich glaube das dieses Verfahren, wenn überhaupt mit einem Vergleich enden wird. Denn eine Verurteilung des Jugendamtes könnte als Präzedenzfall durchaus andere betroffene Eltern dazu animieren wenigstens mal Einsicht in die Akte des Pflegekindes beim zuständigen Jugendamt zu nehmen und da dürfte FASD noch deutlich öfters zum Vorschein kommen, ohne das es so in der Akte formuliert ist.
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