heute u. 20.11.Kindesmisshandlung im Namen Gottes

      heute u. 20.11.Kindesmisshandlung im Namen Gottes

      NDR KulturJournal
      Montag, 17. November 2014, 22:45 bis 23:15 Uhr
      Donnerstag, 20. November 2014, 02:40 bis 03:15 Uhr


      Der Satan schläft nie von Robert Pleyer
      September 2013: Mit einem Großaufgebot durchsucht die Polizei das Gut der "Zwölf Stämme" im bayerischen Klosterzimmern bei Nördlingen. 40 Kinder werden vom Jugendamt in Obhut genommen. Der Vorwurf: Die Kinder wurden von ihren Eltern und Lehrern regelmäßig geschlagen.

      Robert Pleyer lebt 20 Jahre bei den "Zwölf Stämmen", zum Teil in führender Position. Er heiratet und wird Vater. Sein Leben ist das Drama eines Menschen, der seinen Kindern schreckliche Dinge antut, weil er glaubt, es sei der Weg zu Gott. Anfangs ist er von der Gruppenzusammengehörigkeit und der alternativen Lebensform begeistert, doch dann bekommt er immer mehr Probleme, weil er als Lehrer die systematische Züchtigung der Kinder übernehmen muss. 2011 stiegt er aus. Nun hat er seine Erfahrungen in der urchristlichen Sekte in einem erschütternden Buch veröffentlicht: "Der Satan schläft nie".

      Ein System aus Überwachung, Zwang und Strafe
      Er ist Anfang 20, ein junger, esoterisch interessierter Aussteiger, als er bei den "Zwölf Stämmen" findet, was er sucht: eine spirituelle Gemeinschaft, Begeisterung, einen Sinn in seinem Leben - schließlich eine Frau, die er liebt und mit der er vier Kinder bekommt. Als er nach Klosterzimmern kommt, wird er Teil eines Systems aus Überwachung, Zwang und Strafe. Telefongespräche werden abgehört. Kinder müssen von klein auf hart arbeiten. Niemand bekommt einen Lohn. Wenn Kinder sich heimlich ein Eis kaufen, gibt es Schläge. Alles wird vom Ältestenrat überwacht. Jeder kontrolliert jeden. Es geschieht, weil Gott es so will.

      Robert Pleyer wird in Klosterzimmern zum Lehrer berufen. Das heißt, er muss Kinder systematisch züchtigen. Jahrelang erlaubt das bayerische Kultusministerium den "Zwölf Stämmen", eine eigenen Schule zu betreiben. Jeden Tag nimmt Robert Pleyer Kinder, geht in den Keller und schlägt sie. Ohne Mitleid, ohne Rücksicht.

      Kinderzüchtigung - weil Gott es so will
      "Die 'Zwölf Stämme' geben eine klare Regel vor, wie und wann gezüchtigt wird", erzählt er. "Und dass das 'aggressionsfrei' passieren soll. Aber viele hatten sich da nicht im Griff - ich selber auch nicht, muss ich zugeben. Ich habe gemerkt, wie in mir dieser Punkt hochkam: Wenn das Kind in Widerstand geht mit dir und sagt, ich ordne mich dir nicht unter - wie man dann ärgerlich wird. Und da habe ich die Rute weggeworfen, weil ich gemerkt habe, ich verliere mich hier." Denn Schläge als Form der Strafe sind die Basis des Erziehungskonzepts. Kinder unterliegen totaler Kontrolle, ihr individueller Wille wird schon ab dem Säuglingsalter konsequent gebrochen.

      "Im Alter von acht, neun Monaten fängt es an, dass Kinder lernen, ihren Willen dem des Vaters unterzuordnen", berichtet Pleyer. "Indem man die einfach hinsetzt und hält - bis sie irgendwann aufgeben. Das war für mich einer der schmerzhaftesten Punkte: Meine Tochter hat gegengearbeitet - die bäumen sich irgendwann auf, man hält die und versucht die immer wieder an diesen Punkt zu kriegen, an dem sie irgendwann aufgeben. Dieser Punkt war beim ersten Mal nach eineinhalb Stunden erreicht. Ich habe danach geheult, ich bin völlig zusammengebrochen."

      Die "Zwölf Stämme"
      "The Twelve Tribes" ist eine 1972 in Chattanooga (Tennessee) gegründete fundamentalistische Glaubensgemeinschaft. In den 1980er- und 90er-Jahren gründen sich Ableger in Frankreich und Deutschland. 2001 erwerben die "Zwölf Stämme" das Gut Klosterzimmern in Bayern. Es entstehen Gemeinschaften in Kalbe und Wörnitz.

      Die "Zwölf Stämme" leben in hierarchisch gegliederten Kommunen. Die Mitglieder verzichten auf persönliches Eigentum. Krankenversicherung sowie staatliche Sozialleistung werden abgelehnt. Gleiches gilt für die Schulpflicht: Die "Zwölf Stämme" lehnen den staatlichen Schulunterricht aus religiösen Gründen ab. Seit 2001 kommt es deshalb immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den bayerischen Behörden.

      Nach Medienberichten über Kindesmisshandlung nimmt die Staatsanwaltschaft Augsburg 2012 Ermittlungen auf. 2013 wird den Eltern vorläufig teilweise das Sorgerecht entzogen, die Kinder kommen in Heime oder in Pflegefamilien. Am 22. Oktober 2014 fällt das Amtsgericht Ansbach das Urteil: Im Fall von sechs Kinder wird den Eltern das Sorgerecht entzogen. Die "Zwölf Stämme" hatten bereits im Voraus angekündigt, weitere gerichtliche Instanzen bemühen zu wollen.
      Eine Schuld, die bleibt
      Drei Anläufe hat Robert Pleyer gebraucht, um auszusteigen. Erst hat er es mit seiner Frau versucht. Die aber hat das Leben außerhalb der "Zwölf Stämme" nicht ausgehalten und ist in die Kommune zurückgekehrt. Seitdem wohnt er mit seinen vier Kindern im Bayerischen Wald. Er fühlt sich ihnen gegenüber zutiefst schuldig. Was er ihnen angetan hat, lässt sich schwer wiedergutmachen. Gleichzeitig geht in Klosterzimmern und anderswo der Glaubensterror weiter. Religiöser Fundamentalismus mitten in Bayern. Dank Robert Pleyers Buch kann niemand mehr sagen, er habe nicht gewusst, was dort passiert.
      Aus Liebe zum Wahnsinn
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